Mein Kampf gegen den Krebs đŸ„Š

GeschÀtzte Lesezeit: 45 Minuten

Ich sitze unter dem von der Apfel-Gespinstmotte zerfressenen Apfelbaum und schaue in den Himmel …

SpĂ€ter in der HNO Klinik Uni Rostock  …

… lohnt sich das eigentlich bei mir noch?

frage ich die sympathische junge Ärztin, Dr. Sara Maria van Bonn.

Aber von Anfang an

Ein paar Tage nach meiner zweiten BionTech-Impfung gegen Covid-19 hatte ich Schmerzen am linken Zungenrand und spĂŒrte einen kleinen Knubbel. Mit der Vermutung eines kausalen Zusammenhangs mit der Impfung wollte ich die Ärztin sprechen, die mich geimpft hat, aber das war an diesem Tag nicht möglich. Deshalb habe ich mich abends beim kassenĂ€rztlichen Notdienst vorgestellt, um Klarheit darĂŒber zu bekommen, ob das vielleicht mit der Impfung zusammen hĂ€ngen könnte und nur ein Reizfibrom ist oder doch etwas Schlimmeres, nĂ€mlich Zungenkrebs.

Der Notarzt meinte allerdings, er könne nichts sehen. Ich glaube, er wollte nichts sehen. Egal. Er hatte natĂŒrlich auch nicht die Möglichkeiten, das ordentlich zu untersuchen.

 

Radiologie Uni-Klinik Rostock

In den folgenden 10 Tagen wurden die Schmerzen weniger, nachdem ich mehrmals tĂ€glich und sogar nachts mit Kamille gespĂŒlt habe. Der Knubbel ging allerdings nicht weg.

So sprach ich beim HNO-Arzt Dr. Tobias Schuldt in Rostock vor, der als langjĂ€hriger Oberarzt in der HNO-Klinik Uni Rostock aufgehört und einen Tag zuvor, am 7. Juli 2021, eine eigene Praxis in Rostock LĂŒtten-Klein eröffnet hat.

Eigentlich hatte ich der Ärztin in der HNO-Klinik Uni Rostock wegen der Terminmitteilung ja gesagt, dass ich aufgrund dessen ich in der Nacht alle ein, zwei Stunden wegen meiner Herzinsuffizienz beziehungsweise Wasserlassen aufwache und deshalb nicht vor 10 Uhr (nach meiner inneren Uhr und der Normalzeit wĂ€re das ja auch erst 9 Uhr) ans Telefon gehe. Den Klingelton habe ich bis zum Aufstehen ohnehin ausgeschaltet.

Trotzdem versuchte, wie ich auf meinem Handy sah, das Krankenhaus mich schon ab 8 Uhr zu erreichen. Ich finde das einfach rĂŒcksichtslos.

Die K1-Stimme

Als ich meinen Morgenkaffee vor mir hatte, klingelte es erneut und eine aufdringliche, fĂŒr mich unangenehme weibliche “K1-Magazin-Stimme” leierte einen Text mit “OP am 28. Juli, 7:45 Uhr nĂŒchtern da sein, am 26. Juli von 7:30 Uhr bis 14:30 Uhr VorgesprĂ€che und CT, Essen mitbringen und Einweisungsschein” herunter.

Wie ein Roboter. Nichts Menschliches und bloß keine Zwischenfrage zulassen. Ich war erst mal bedient und enttĂ€uscht nach dem ersten guten Eindruck.

Der weitere Ablauf war also so geplant, dass am 26. Juli das Hals-CT gemacht werden und die GesprÀche mit dem AnÀthesist, dem (operierenden ?) Arzt und dem Klinik-Leiter stattfinden sollten.

Dann am ĂŒbernĂ€chsten Tag sollte unter Vollnarkose die Panendoskopie, also umfassende Inspektion des Rachenumfeldes mit Biopsie, also Gewebeentnahme, gemacht werden.

Ich habe auch AufklĂ€rungsmaterial mit nach Hause bekommen: Zwei sogenannte Thieme Compliance-AufklĂ€rungsbögen ĂŒber die Vollnarkose mit auszufĂŒllendem Fragebogen (Anamnese) sowie ĂŒber die Spiegelung der oberen Luft- und Speisewege ggf. mit Gewebeentnahme (Panendoskopie mit Biopsie), auch mit zu beantwortenden Fragen.

Brutale AufklÀrung

Das Lesen dieser AufklĂ€rungsbögen ist echt brutal. Seitenlange AufzĂ€hlung von Risiken und teilweise lebensgefĂ€hrlichen Komplikationen. Lungenembolie, Thrombose, NervenschĂ€den, GewebeschĂ€den, Atemnot nach geplatztem LungenblĂ€schen, Verletzungen der Luftröhre, der Bronchien, des Kehlkopfs, der Speiseröhrenwand, LungenentzĂŒndung, Sepsis (Blutvergiftung), “massive Blutungen mit lebensbedrohlichem BlutĂŒbertritt in die Atemwege oder sogar tödlich endende Gefahren durch Sauerstoffmangel mit HirnschĂ€den …” Ich höre hier mal mit der AufzĂ€hlung auf.

Bei dem AufklĂ€rungsbogen fĂŒr Vollnarkose die gleiche “schwere Kost”: VenenentzĂŒndungen, lebensbedrohliche Infektionen, Kreislaufschock, Herzstillstand, Kreislauf- und Organversagen, Atemversagen, HirnschĂ€digung, lebensgefĂ€hrliches “Einfließen von Speichel und Mageninhalt in die Lunge (Aspiration) mit LungenentzĂŒndung oder Lungenversagen. Und das ist noch nicht genug.

Alles kann, nichts muss

Es geht weiter mit “krampfartiger Verschluß der Luftwege bei der EinfĂŒhrung und Entfernung des Tubus”, lebensbedrohliche Verminderung der weißen Blutkörperchen, und noch ein paar Risiken und Narkosefolgen wie Lungenembolie und Herzinfarkt.

Eigentlich bringt es rein gar nichts, das alles zu lesen. Überfliegen oder Querlesen reicht vollkommen, um zu wissen: Alles kann, nichts muss.

Ich konzentriere mich nun auf meine konkreten Fragen an die Ärzte am GesprĂ€chs-Termin, um fĂŒr mich eine Entscheidung treffen zu können, ob ich die Risiken in Kauf nehmen möchte oder eine alternative Therapie suche.

Ich frage mich beispielsweise: Kann man das weitere Wachstum des Tumors nur durch Medikamente stoppen in einer sogenannten “Targeted Therapy”?

Organisations-Chaos

Am 26. Juli 2021 war es dann soweit. Ich musste zur stationĂ€ren Aufnahme-Prozedur fĂŒr die Panendoskopie und Biopsie, die am 28. Juli stattfinden sollte, um 7:30 Uhr in der Otto-Körner-Klinik erscheinen. Nicht nur zu einer fĂŒr mich unmenschlichen Uhrzeit, sondern auch noch nĂŒchtern.

Vera-Marleen wollte als meine Ehefrau natĂŒrlich mitkommen und so fuhren wir mangels ausreichender Parkgelegenheiten auf dem Klinik-GelĂ€nde mit der Straßenbahn zur HNO-Klinik Uni Rostock.

pati, patio, patis, patit, patimus …

… konjugierten wir im Lateinunterricht …

Nun hieß es von einem Zimmer ins nĂ€chste und dazwischen immer warten. Als Patient soll man ja auch leiden, so will es die lateinische Herkunft des Wortes: “patiens” bedeutet ĂŒbersetzt leidend, erduldend, beziehungsweise “pati” leiden, erdulden. Zumindest muss man sehr geduldig sein, als Patient.

Der dritte Raum war fĂŒr das AufklĂ€rungsgesprĂ€ch fĂŒr die Vollnarkose, also die AnĂ€sthesieaufklĂ€rung. Der unnahbare Arzt schaute in meine Unterlagen und signalisierte mit einem Seufzer, dass ich wohl als Risikopatient mit Vorerkrankungen ein schwieriger Fall bin. Dann leierte er, Ă€hnlich wie der “verschwundene Arzt” in der Augenklinik damals seinen Text runter.

Und wieder war Warten angesagt. Nach mittlerweile sechs Stunden Aufenthalt in der Klinik wurde ich zur Blutentnahme fĂŒr ein Blutbild und zur Legung eines Zuganges fĂŒr das Kontrastmittel fĂŒr das Hals-CT gerufen. Vera blieb draußen im Flur sitzen.

Nach sieben Versuchen, eine Vene zu treffen, war endlich genug Blut fĂŒr die Ermittlung der Blutwerte entnommen und ein Zugang am linken HandrĂŒcken verlegt.

ArztgesprĂ€ch zwischen TĂŒr und Angel

Und ehe ich mich versah, erzĂ€hlte mir ein anwesender Facharzt in nur zwei SĂ€tzen etwas ĂŒber die geplante Panendoskopie. Dass dies das AufklĂ€rungsgesprĂ€ch gewesen sein sollte, erfuhr ich erst, als mir gesagt wurde, dass ich gleich zum CT abgeholt wĂŒrde.

Ich schimpfte noch schnell vor mich hin, dass meine Frau doch extra mitgekommen ist, um beim AufklĂ€rungsgesprĂ€ch (dass ja aber keins war), dabei sein zu können und beschwerte mich offiziell bei der Oberschwester. Die sagte mir dann ein ausfĂŒhrlicheres GesprĂ€ch nach dem Hals-CT mit dem Arzt zu, was ja auch sinnvoller ist, da dann ja die CT-Ergebnisse vom Hals vorliegen.

In einem 5minĂŒtigem Krankentransport ging es dann zur Radiologie der Uniklinik Rostock. Da war das etwa 15 Quadratmeter kleine Wartezimmer an diesem Montag vollgestopft mit neun weiteren Patienten. So bevorzugte ich, den unendlich langen Gang, dort immer wie ein Tiger im KĂ€fig hin und her zu laufen. Um 14:42 Uhr hatte ich schon ein Tagespensum von 8.000 Schritten auf meinem Fitness-Tracker.

Schwester Rabiata

Dann wurde ich endlich von einer eher abgenervten Dame – keine Ahnung, ob Schwester oder Ärztin – in eine Kabine gebeten, wo ich mich einiger KleidungsstĂŒcke und einer Zahnprothese entledigen musste. Das ging ihr scheinbar nicht schnell genug und sie schaute immer wieder rein, wie weit ich bin. Wie ich spĂ€ter feststellte, war ich der Letzte vor ihrem Feierabend. Das könnte ihre Ungeduld erklĂ€ren. Oder sie hatte einfach nur einen schlechten Tag.

Nachdem ich ihr klar machte, dass der zuvor verlegte Zugang nach fast zwei Stunden nunmehr sehr schmerzt, stellte sie fest, dass er nichts tauge und brauchte zwei weitere Versuche, um einen neuen Zugang zu verlegen. Bei dem ersten von ihr verlegten Zugang, der nicht funktionierte, legte sie brutal einen derart festen “Druckverband” an, dass ich meinen Arm nicht mehr beugen konnte.

Der zweite von ihr verlegte Zugang sieht heute, sechzehn Tage danach, immer noch wie ein misslungenes lila-blaues Tattoo aus.

 

 

Und hier der Beweis, dass es der Katastrophen-Zugang von der etwas rabiaten und ungeduldigen Dame in der Radiologie, Hals-CT war, die am 26. Juli 2021 um 15:30 Uhr Dienst hatte.

Ein solches HĂ€matom entsteht, wenn die ausfĂŒhrende Person mit einem sterilen Tupfer schon beim Herausziehen der KanĂŒle zu starken Druck auf die Stelle ausĂŒbt. Dadurch kann die Vene verletzt werden. Die Kompression darf erst unmittelbar nach dem Entfernen der KanĂŒle erfolgen und muss dann vom Patienten, soll ein HĂ€matom vermieden werden, vier Minuten (und nicht kĂŒrzer) fortgesetzt werden. Wurde in die Armbeugenvene gestochen, sollte der Arm bei der Kompression nach oben gehalten werden, um ein HĂ€matom zu vermeiden.

Weiter habe ich ergoogelt, dass die geballte Faust wĂ€hrend der Blutabnahme laut einer Studie aus Großbritannien zu erhöhten, falschen Kaliumwerten fĂŒhrt.

Damit sich die Venen gut mit Blut fĂŒllen, sollte die Punktionsstelle tiefer liegen als der rechte Herzvorhof. Auch Pumpen durch wiederholtes Öffnen und Schließen der Faust kann helfen, die Venen mit Blut zu fĂŒllen.

 

 

Ich lag also auf der Liege des CT-GerĂ€tes und musste jetzt den Arm die ganze Zeit waagerecht halten, da ich ihn nicht auf meinen Bauch legen konnte. Ganze fĂŒnfzehn Minuten lang, bis ich einen Krampf bekam.

Um kurz vor vier, also achteinhalb Stunden ohne Nahrungsaufnahme, sollte ich nun wieder 30 Minuten warten, ob ich das Kontrastmittel vertragen habe.

Dann wurde ich gegen 17 Uhr, also nach nunmehr neuneinhalb Stunden mit einem Krankentransport in die Otto-Körner-Klinik zurĂŒck gefahren. Dort wartete Vera vor dem Eingang schon auf mich und wir gingen hoch auf die Station 1, um ein vernĂŒnftiges ArztgesprĂ€ch einzufordern.

Inzwischen waren ja auch die CT-Aufnahmen im Intranet verfĂŒgbar und der junge Facharzt Christoph Lachmann erklĂ€rte uns am Bildschirm, wo der Tumor an der Zunge sitzt und dass da sonst glĂŒcklicherweise keine weiteren Metastasen im Halsbereich und wohl auch Kopf sind.

Nach etwa zehn Stunden Stress ging es dann wieder mit der Straßenbahn nach Hause.

Am nĂ€chsten Tag, dem 27. Juli 2021, sollte ich mich dann um 18 Uhr wunschgemĂ€ĂŸ zur Übernachtung im Krankenhaus einfinden, da ich schon dort sein wollte, wenn am nĂ€chsten Tag die Panendoskopie unter Vollnarkose stattfindet. Die Straßenbahn lieferte mich in einer Punktlandung Punkt 18 Uhr dort ab und ich meldete mich auf der Station 1.

 

 

In dem hellen, gerĂ€umigen Zweibettzimmer Nummer 2 mit der TĂŒrkennung “Apfel mit grinsender Made” lag noch ein junger Mann, der TV schaute.

Ich rĂ€umte meinen Kram in den Schrank, schaute mir den durch einen Vorhang abgetrennten Waschraum an, verband mich mit dem kostenlosen WLAN der UniversitĂ€tsmedizin Rostock (UMR), legte mich aufs Bett und schaltete erst mal den kostenfreien Fernseher ein. So lasse ich mir einen Krankenhausaufenthalt gefallen. Und als auch noch das Abendessen richtig lecker war, entspannte ich mich und unterhielt mich ein wenig mit meinem Zimmernachbar, der die Panendoskopie schon hinter sich hatte und ĂŒber die ThrombosestrĂŒmpfe lĂ€sterte, die man am Tag der OP anziehen musste und wohl erst bei der Entlassung wieder ausziehen durfte. Meiner Meinung nach dient dies auch eher der rechtlichen Absicherung der Klinik, denn die Wirkung von ThrombosestrĂŒmpfen bei Operationen wird in Fachkreisen als zweifelhaft angesehen und wie mir mein Bettnachbar erklĂ€rte, bekommt man außerdem noch eine Thrombosespritze in den Bauch und noch eine Tablette gegen Thrombose.

Da ich ja noch bis Mitternacht essen durfte und dann erst mal lange nichts, habe ich meine mitgenommene Avocado kurz vor Mitternacht verzehrt.

Betrunkene und ein Feuerwerk

Ich war ziemlich aufgeregt, von draußen hörte man bis weit nach Mitternacht Betrunkene herumbrĂŒllen, sogar ein Privatfeuerwerk wurde abgezĂŒndet. Ich denke, so gegen halb drei bin ich dann eingeschlafen.

Dann am frĂŒhen Morgen ging es Schlag auf Schlag. Kurz vor sieben Uhr Fiebermessen und um sieben Uhr Visite mit der Ansage, dass mich in zweieinhalb bis drei Stunden ein Dr. Jung operieren wĂŒrde, aber jetzt wĂ€re erst mal “ein Ohr dran”, so der O-Ton.

Ich solle mir das hinten offene Nachthemd und die ThrombosestrĂŒmpfe anziehen und möglichst nochmal auf die Toilette gehen, die ĂŒbrigens nicht im Waschbereich im Zimmer war, sondern gegenĂŒber auf dem Flur fĂŒr zwei Patienten-Zimmer gemeinsam. Eine optimale Lösung, finde ich.

Irgendwann gegen halb elf wurde ich mitsamt Bett von zwei Schwestern abgeholt und in den OP-Bereich gekarrt. Das ging da irgendwie durch eine Schleuse und schwupps war ich im OP-Saal. Naja, kam mir irgendwie sehr klein vor, eher ein OP-SÀÀlchen. Oder ich war so aufgeregt, dass ich das nur so empfunden habe.

Dann sollte ich mich vom Bett auf den Operationstisch rollen, was auch gut klappte. Ich habe zwei Frauen und zwei MĂ€nner wahrgenommen, eine Frau stellte sich als AnĂ€sthesistin vor und sagte, dass sie mir jetzt einen Zugang legen wĂŒrde. Ich dachte gleich an die rabiate Radiologin beim Hals-CT und warnte sie, dass das bei mir problematisch ist. “FĂŒr uns nicht”, erwiderte sie. “Wir machen das mehrmals tĂ€glich”. Ich vertraute ihr sofort und Ruckzuck lag der Venen-Zugang.

Rehaugen

Dann schauten mich an meinem Kopfende zwei dunkelbraune Augen einer liebevollen Ärztin an, ich glaube es war  AssistenzĂ€rztin Ketino Vashakidze oder Johanna Gruel, aber bin mir wegen dem Mund- und Nasenschutz nicht sicher. Habe nur ihre sanften, aber wachen Rehaugen gesehen und entsinne mich, dass sie irgend etwas von “wir sind heute so richtig gut drauf” und schönen TrĂ€umen sagte. Dann bekam ich noch eine warme Spezialdecke, weil der Körper wĂ€hrend der Vollnarkose abkĂŒhlt, glaube ich aufgeklĂ€rt worden zu sein.

Ich fĂŒhlte mich geborgen und sicher bei dem erfrischend wirkendem, jungen OP-Team.

Der junge Arzt, es war wohl Dr. Jung, erklĂ€rte mir, dass er mir nun eine Maske auf meinen Mund und Nase setzen wird und ich ein Narkosegas einatmen werde. Ich atmete eine gewisse Zeit, ohne dass ich etwas spĂŒrte. Dann sagte er noch, dass ich gleich einschlafen wĂŒrde und dass ich Bescheid geben solle, wenn ich es merke.

Immer wieder sagte die Ärztin mit den wunderschönen Rehaugen, dass ich das gut machen wĂŒrde mit dem Ein- und Ausatmen.

Das ist wohl ein sich immer wiederholendes Ritual, dieses Loben.

Plötzlich spĂŒrte ich eine kommende Ohnmacht, wie ich sie schon vor der Herzschrittmacher-Implantation sechsundvierzig Mal erlebt habe. Dieses Ă€ußerst unangenehme GefĂŒhl des Bewusstseinsverlustes.

Ich schaffte es, noch “jetzt” zu sagen. Ich frage mich im Nachhinein: Warum sollte ich das eigentlich tun?

Dann verlor ich das Bewusstsein …

… zum 47. Mal seit 2018.

Als ich aufwachte, blickte ich wieder in die hĂŒbschen braunen Rehaugen und sie fragte :”Na, schöne TrĂ€ume gehabt?”. “Ich glaube, ich habe getrĂ€umt, weiß aber nicht mehr, was.” Dann fragte ich nach der Uhrzeit. Zwölf Uhr. Im Gegenzug wurde ich nach meinem Geburtsdatum und dem Wochentag gefragt.

Ich bedankte mich noch fĂŒr den guten Job und wurde ins Aufwachzimmer geschoben oder wie hört man oft RettungssanitĂ€ter sagen: “verbracht”.

Dort lag ich direkt am Fenster mit noch vier oder fĂŒnf weiteren Aufwachenden und fĂŒhlte mich wieder voll bei Bewusstsein. Auf meinem Hals lag ein Teil mit KĂŒhlmittel. Nach einiger Zeit tat mein RĂŒcken weh und ich drehte mich ein wenig zur Seite. Ich schaute immer wieder auf die große Uhr ĂŒber der TĂŒr und verfolgte den Minutenzeiger, denn ich wusste, dass man nach etwa einer Stunde aus dem Aufwachraum geholt wird.

Die Zeit verging sehr langsam, gefĂŒhlt im Schneckentempo und mein RĂŒcken schmerzte. Ich versuchte mich hinzusetzen, aber bekam das nicht hin. Ich beobachtete, wie sich die Wolken am Himmel langsam bewegten.

Endlich wurde ich Punkt ein Uhr aus dem Aufwachraum geschoben, nachdem irgendwer irgendwas unterschrieben hat, wie ich mitbekommen habe.

Im Patientenzimmer begutachtete ich mich erst mal im Spiegel. Da war etwas Blut in meinem Gesicht und meine Oberlippe war geschwollen, innen blutig und fĂŒhlte sich taub an. Beim Gehen war ich noch etwas unsicher.

Mein Zimmernachbar war ja schon morgens entlassen worden und so hatte ich das Zimmer nun ganz alleine fĂŒr mich. Da die Sonne in den Raum schien, nahm ich einen Stuhl, setzte mich direkt vor das Fenster und lies mir die Sonne auf mein geschundenes Gesicht scheinen. Das tat gut. Ich spĂŒrte, dass ich lebe.

 

Zimmer 102 in der HNO-Klinik Uni Rostock

Um halb drei brachte mir die Schwester einen Pudding und einen Kaffee und um halb sechs ein fĂŒr KrankenhausverhĂ€ltnisse leckeres Abendessen. Sogar ein WĂŒrstchen war dabei. Allerdings hĂ€tte ich die dreifache Portion weg nageln können.

Wenn kein Unfall oder “Ohr” heute abend reinkommt, habe ich das Zimmer in der Nacht fĂŒr mich, dachte ich so bei mir und hörte ĂŒber Kopfhörer meine Amazon-Playlist mit meinen Lieblingssongs.

Nun fing mit Nachlassen des BetĂ€ubungsmittels auch die Zunge an weh zu tun und das Schlucken war unangenehm. Auch der Zugang an der Hand störte mich, aber er musste ĂŒber Nacht dranbleiben, falls sich noch Komplikationen ergeben.

Kurz nach acht kam dann doch noch ein “Unfall rein”. Er glaubte, ein Plastikteil beim Essen verschluckt zu haben und sollte vorsorglich endoskopisch untersucht, also mit einer Mimikamera in die Speiseröhre geschaut werden, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Dazu sollte er spĂ€ter “irgendwann in der Nacht” mit einem Krankentransport in die ein paar Kilometer entfernte Uniklinik in der Schillingallee gebracht werden. Aber eigentlich hatte ich ja genug mit mir selbst zu tun.

Die Nacht im Schneidersitz

Gegen zweiundzwanzig Uhr wurden die Schmerzen schlimmer. Man hörte alle fĂŒnf Minuten die Straßenbahn poltern und wieder Betrunkene, deren lautes GebrĂŒlle durch die HĂ€userschluchten in der Doberaner Strasse noch verstĂ€rkt wurde. Ich bekam noch eine Schmerztablette von der Schwester, aber da gingen nur die Schmerzen an der Zunge und der Oberlippe weg, aber nicht die Schmerzen beim Schlucken. Nur im Sitzen, leicht nach vorne gebeugt, war es einigermaßen ertrĂ€glich. Das wird ja die Nacht der NĂ€chte werden, dachte ich so bei mir.

Gegen Mitternacht wurde “der Notfall” von SanitĂ€tern abgeholt. Ich war inzwischen hundemĂŒde, konnte mich wegen der Schmerzen beim Schlucken aber nicht hinlegen. So saß ich weiter im Bett.Die Nachtschwester kĂŒmmerte sich rĂŒhrend um mich, fragte immer wieder nach meinem Befinden.

Gegen drei Uhr morgens kam “der Unfall” zurĂŒck von der Endoskopie. Sie haben nichts gefunden, sagte er beruhigt. Er chatte dann wohl noch mit seiner Familie und ich blieb weiter sitzen, bis irgendwann am frĂŒhen Morgen wieder Fieber gemessen wurde.

Dann habe ich mich gewaschen und noch vor der Visite die Ă€tzenden ThrombosestrĂŒmpfe ausgezogen, meinen Trolley gepackt und mich angezogen. Ob das möglicherweise bei “der Visite” nicht gut ankam, war mir nach dieser Nacht so was von egal.

Ich wollte einfach nur noch meine Entlassungspapiere und nach Hause.

Unglaublich

Die nĂ€chsten Tage hatte ich ziemliche Schmerzen beim Schlucken und ein störendes Kribbeln im Hals. Als ich dann reflexartig etwas aushusten wollte, war das dann tatsĂ€chlich, wie mir spĂ€ter auch von Ärzten bestĂ€tigt wurde, ein StĂŒck Gewebe von der Speiseröhre. Ich fotografierte das etwa 1,5 x 0,5 cm große GewebestĂŒck und wollte es ĂŒber “Google Lens” bestimmen lassen. Als Ergebnis wurde mir angezeigt: “Chinesisches Essen”. TatsĂ€chlich sah das GewebestĂŒck auch aus wie ein kleines StĂŒck Fleisch von einer gebratenen Pekingente. So etwas kann bei einer Panendoskopie und Biopsie passieren, dass Gewebereste in der Speiseröhre oder Luftröhre hĂ€ngen bleiben und sich spĂ€ter lösen. Ich habe das Teil auch fotografiert, aber nicht in Alkohol eingelegt und konserviert …

 

Wartezimmer Radiologie UniversitÀtsmedizin Rostock

Heute, am 4. August musste ich zur Computertomographie des Thorax und Abdomen, um Metastasen im Bereich der Lunge und Bauchraumes auszuschließen. Diesmal war es auch nicht so voll wie beim letzten Mal.

Dass es auch anders als bei ihrer Kollegin, der von mir so genannten “Schwester Rabiata” geht, bewies die Ärztin oder fachmedizinische Angestellte bei der Legung des Zugangs fĂŒr das Kontrastmittel. Wir sprachen auch darĂŒber, das das Klopfen der Venen mit den Fingern nĂŒtzlich sein kann, damit sie besser hervortreten und dass sie das auch so gelernt hat:

Adern klopfen hilft ✋

Man kann die Armbeuge oder den HandrĂŒcken des Patienten reiben oder klopfen, wodurch in der Haut Histamin freigesetzt wird, eine Rötung entsteht und die Venen erweitert werden. Aus meiner Erfahrung haben die Schwestern heutzutage allerdings ganz offensichtlich irgendwelche Hemmungen, diese Technik anzuwenden. Ich entsinne mich, dass diese Technik des Reibens und Klopfens vor der Blutentnahme in meiner Kindheit in den 50ern und 60ern absolut ĂŒblich war und praktiziert wurde. Ich werde in Zukunft die Schwestern immer bei eine Blutabnahme oder Anlage eines Zugangs dazu befragen und dann hier darĂŒber berichten.

Oder vielleicht sollte ich meine Armbeuge selbst beklatschen, beklopfen und reiben! Ja, so mache ich das in Zukunft.

Ich war ja nun schon CT-erfahren und so war die Untersuchung inklusive der Hitzewallung fast schon Routine fĂŒr mich. Es spielt auch eine große Rolle, wie die Person drauf ist, die die Untersuchung durchfĂŒhrt. Diesmal hatte ich GlĂŒck und bin von einer sehr sympathischen jungen Frau behandelt worden.

Histologieauswertung

Heute, am 5. August, hatte ich einen Termin zur Histologieauswertung, also der Auswertung der entnommenen Gewebeprobe (Biopsie) bei der Panendoskopie unter Vollnarkose.

Auch das war wieder eine Zumutung. In dem kleinen Raum waren wir zu fĂŒnf Personen. Zuerst gab es noch nicht mal einen freien Platz, auf den ich meine private Krankenakte und mein Tablet ablegen konnte. Da mussten erst andere Patientenakten umgelagert werden.

Fachlich ist die Otto Körner-Klinik ja die beste HNO-Klinik in Mecklenburg-Vorpommern, mit vielen Preisen ausgezeichnet, aber organisatorisch ist noch Luft nach oben, finde ich. Eine Stunde Wartezeit trotz Termin ist meiner Meinung nach kein ordentliches Termin-Management. Ich finde, die Grenze liegt bei zwanzig Minuten als Sicherheitspuffer wegen ZuspĂ€tkommern. Zumindest aber könnte man als pĂŒnktlicher Patient eine Ansage bei der Anmeldung erwarten, mit welcher Wartezeit man ungefĂ€hr zu rechnen hat. Das gehört sich einfach, finde ich.

ZunĂ€chst war der beruhigende Tenor des GesprĂ€chs mit drei Ärzten/innen dass das Thorax- und Abdomen-CT vom Vortag negativ sei, also keine weiteren Tumore oder Metastasen gefunden wurden, dass es sich am Zungenrand um einen bösartigen Tumor unter 1 cm (TNM-Klassifikation T1) im FrĂŒhststadium handelt und dass er möglichst schnell operativ entfernt werden sollte.

Dazu mĂŒsse allerdings noch irgend etwas im inneren Wangenbereich in KnochennĂ€he wegoperiert werden und zur Sicherheit auch die Lymphknoten in Hals, wenn ich das richtig verstanden habe. Der freundliche Oberarzt Dr. Lichun Zhang, der sich immer so lieb entschuldigt, wenn er den Rachen untersucht und man dadurch reflexartige Schmerzlaute von sich gibt, war aber ansonsten fĂŒr meine BedĂŒrfnisse nicht gesprĂ€chig genug.

Als er dann noch den Begriff “Magensonde” in den Raum warf und nur so begrĂŒndete, dass man “das sonst nicht ĂŒberlebt”, hatte ich erst mal die Schnauze voll, denn mit diesem Thema habe ich mich noch nie beschĂ€ftigt. Das hört sich jedenfalls ĂŒberhaupt nicht gut an. FĂŒr die ganz Hartgesottenen unter euch hier der Link zum Thieme-AufklĂ€rungsbogen. Vorsicht, ist aber harte Kost!

Leider wurde mir an diesem Tag nicht das Ergebnis der CT-Untersuchung des Halses vom 27. Juli vorgelegt (davon habe ich erst am 13. August Kenntnis erhalten), so dass ich ĂŒber die wahre GrĂ¶ĂŸe und Dicke des “Knubbels” beziehungsweise Tumors erst eine Woche spĂ€ter informiert wurde. Ich bin also eine Woche ĂŒber das tatsĂ€chliche Ausmaß im Unklaren gelassen worden, dachte immer, dass der Tumor unter einem Zentimeter groß ist und vielleicht von geringer Dicke. Gut, ich hĂ€tte auch nichts Ă€ndern können, hĂ€tte ich es vorher gewußt. Aber richtig finde ich es nicht.

Der Tag der Wahrheit

Heute, am 10. August, war ich bei meinem HNO-Arzt, Dr. Tobias Schuldt, um mich besser und vor Allem ausfĂŒhrlicher, als es in der Klinik geschah, ĂŒber die weitere Vorgehensweise aufgrund der Ergebnisse aus der histopathalogischen Begutachtung der in der Biopsie entnommenen GewebestĂŒcke beraten zu lassen. Sozusagen als Zweitmeinung.

Es handelt sich also um einen bösartigen Tumor des Grading 3 von vier, also ziemlich bösartig und aggressiv. Da er jedoch unter einem Zentimeter groß ist und sich laut Hals-, Thorax- und Abdomen-Computertomographie (CT) noch keine Metastasen gebildet haben, kann er mit großer Erfolgsaussicht wegoperiert werden. Da aber auch um den Tumor als “Sicherheitsabstand” Gewebe wegoperiert werden muss, kann es sich um ein StĂŒck von 2 x 2 cm oder sogar 2 x 3 cm handeln (wenn ich das richtig verstanden habe), das aus dem hinteren Drittel der Zunge (und am Wangenknochen) herausgeschnitten wird. Und vielleicht muss in einer zweiten Operation nochmal nachgebessert werden, damit man ganz sicher sein kann, dass das bösartige Tumorgewebe auch vollstĂ€ndig entfernt wurde, so Dr. Schuldt. Zudem mĂŒssen zur Sicherheit auch noch die Lymphknoten am Hals in einer 40 bis 90minĂŒtigen OP entfernt werden.

Dies hat zur Folge, dass ich eine gewisse Zeit lang ĂŒber eine Magensonde (PEG) bis zu fĂŒnf Monate kĂŒnstlich ernĂ€hrt werden muss. Das ist mein grĂ¶ĂŸtes ethisches und Ă€sthetisches Problem, gegen das ich mich jetzt schon tagelang gestrĂ€ubt habe.

Auf meine Frage, was passiert, wenn ich mich nicht operieren lassen wĂŒrde, antwortete Dr. Schuldt, dass ich dann in absehbarer Zeit ersticken oder an meinem eigenen Blut “ertrinken” wĂŒrde. Das ist bei der GrĂ¶ĂŸe und dem frĂŒhzeitigen Stadium also keine Option. Und auch die Magensonde ist ĂŒberlebenswichtig und wird dann wieder entfernt, wenn ich wieder normal essen kann.

Ich habe ihn auch gefragt, warum man im Internet so wenig Erfahrungsberichte ĂŒber Zungenkrebs findet. Das liegt daran, dass die Mehrzahl der Betroffenen alkoholkranke Raucher sind und sich nicht intensiv mit der Krankheit beschĂ€ftigen wollen oder können und natĂŒrlich so auch keine Erfahrungen in Foren im Internet austauschen.

Ich habe auch gelesen, dass es in Deutschland “nur” etwa 10.000 Patienten (Stand 2012) mit dem seltenen Zungenkrebs gibt und dass er neben dem Alkohol- und Nikotinmißbrauch auch durch Vererbung (meine Mutter hatte Zungenwurzelkrebs), schlechte Mundhygiene, schlechtsitzende Zahnprotesen und (dadurch bedingte) chronische Verletzungen an der Zunge entstehen können. Aber auch Pfeifenraucher sind besonders fĂŒr Zungenkrebs gefĂ€hrdet.

Ich war ja lange Zeit Raucher, habe aber vor sechs Jahren aufgehört Zigaretten zu rauchen und bin auf Pfeife umgestiegen, weil ich dachte, das das “gesĂŒnder” ist.

Die Tabakpfeife war keine gute Idee

Vielleicht interessiert dich auch mein Blogartikel zum Thema “Genuss aus der Pfeife”.

Ganz offensichtlich war das aber keine gute Idee. Seit drei, vier Jahren rauche ich aber ĂŒberhaupt nicht mehr, auch nicht gelegentlich mal einen Zug aus der Pfeife. Es fiel mir auch ĂŒberhaupt nicht schwer, aufzuhören und ich Ă€rgere mich, dass ich das nicht schon vor 20 Jahren gemacht habe. Im Nachhinein empfinde ich Rauchen als die sinnloseste BeschĂ€ftigung, die es ĂŒberhaupt gibt.

Ich habe gerne Bier, gelegentlich Wein, aber nie harte Sachen getrunken. Seit vier Jahren trinke ich allerdings aufgrund meiner Einnahme von Herztabletten ĂŒberhaupt nichts alkoholisches mehr.

Also, ich persönlich und als Laie vermute, dass der Zungenkrebs bei mir durch eine chronische Verletzung der Zunge durch eine Zahnprothese oder sogar durch die Impfung mit BionTech (DNA-VerÀnderung) ausgelöst wurde. Meine HausÀrztin bestÀtigte mir, dass in ihrer Praxis tatsÀchlich seit Neuestem auch drei weitere FÀlle von Zungenkrebs aufgetreten sind. Zufall oder kausaler Zusammenhang mit Covid-19-Impfstoffen?

Dr. Schuldt hat sich viel Zeit genommen, mir den weiteren Ablauf der Therapie zu erklÀren, so dass ich jetzt auch psychisch bereit bin, das alles auf mich zu nehmen.

Ich bin glĂŒcklich, einen Arzt wie Dr. Tobias Schuldt als ehemaligen Oberarzt der Otto Körner-Klinik neben den mich jetzt behandelnden Ober-, Fach- und AssistenzĂ€rzten der hoch angesehenen und vielfach ausgezeichneten Otto-Körner-Klinik Rostock als weiteren Berater und Begleiter im Hintergrund meines wohl schweren Weges zu haben.

Der Schock

Heute, am Freitag, dem 13. August fuhren wir wieder in die Otto Körner Klinik, um die Empfehlung des gestrigen Tumor Boards, einer Konferenz mit Ärzten verschiedener medizinischer Fachrichtungen, hoffentlich auch in schriftlicher Form entgegen zu nehmen. Und unsere diversen Fragen zu stellen, insbesondere zu der kĂŒnstlichen ErnĂ€hrung und den EinschrĂ€nkungen nach der OP.

Diesmal fand ein sehr ausfĂŒhrlichen ArztgesprĂ€ch mit Dr. Zhang, zu dem dann auch noch mein Operateur, Dr. Sebastian Schraven, der stellvertretende Klinikdirektor, hinzu kam.

Und dann ging es ans Eingemachte.

Am 19. August muss ich um 7 Uhr fĂŒr einige Stunden in die Klinik, um auf die kommenden Operationen vorbereitet zu werden. “Das beinhaltet hno-Ă€rztliche Untersuchungen, AufklĂ€rungen und NarkosegesprĂ€che”, so die Patienteninformation, die mir mit den OP-Terminen und weiteren Informationen ausgehĂ€ndigt wurde.

Dann darf ich nochmal ĂŒber das Wochenende nach Hause und am 23. August geht es dann los. Um 7:45 Uhr muss ich im Krankenhaus erscheinen, nĂŒchtern ohne FrĂŒhstĂŒck. An diesem Tag soll mir dann unter örtlicher BetĂ€ubung eine Magensonde, PEG, angelegt werden zur kĂŒnstlichen ErnĂ€hrung. Diese muss dann in den nĂ€chsten zwei Tagen “gepflegt” und bewegt werden, damit die Platte unter der Bauchdecke nicht festwĂ€chst.

Das hörte sich alles ganz anders und viel weniger dramatisch an. Nun ist noch der Luftröhrenschnitt, mal so ganz nebenbei erwÀhnt, dazugekommen. Der macht mir vom Kopf her jetzt am meisten zu schaffen.

Mein Schicksalstag

Am 26. August ist dann die eigentliche Operation des Tumors geplant. Sie wird etwa sechs bis acht Stunden dauern, erklĂ€rte mir Dr. Schraven und es wird zur Sicherheit ein Luftröhrenschnitt gemacht. Außerdem werden die Lymphknoten am Hals linksseitig entfernt und es wird vom linken Unterarm Gewebe entnommen, um es an der Zunge zu implantieren.

Denn der Tumor ist nicht, wie zunĂ€chst angenommen, kleiner als 1 Zentimeter, sondern laut CT-Auswertung  eine genau 1,3 x 1,0 x 1,3 cm große “rundliche Raumforderung”. Also Klassifikation TN1c, wie ich ergoogelt habe. Und um den Tumor herum muss mit Sicherheitsabstand weggeschnitten werden, um ein mögliches Verbleiben von winzigen Tumorzellen zu verhindern. Somit werden nicht, wie ich anfangs vermutete, zehn bis fĂŒnfzehn Prozent der Zunge entfernt werden, sondern etwa dreißig Prozent. Deshalb auch die Transplantation, von der beim ersten GesprĂ€ch keine Rede war. Fraglich ist dann natĂŒrlich auch, ob das GewebestĂŒck anwĂ€chst oder abgestoßen wird.

Sollte ich und mein schwaches Herz das alles ĂŒberstehen, soll ich einen Tag in der Intensivstation verbringen.

Dann werde ich etwa drei Tage weder sprechen, trinken noch schlucken können und kĂŒnstlich ernĂ€hrt werden. Nach dieser Zeit werde ich sprechen und schlucken, aber natĂŒrlich nicht durch den Mund Nahrung aufnehmen können, sondern weiterhin kĂŒnstlich ernĂ€hrt werden mĂŒssen. Wie lange, habe ich vergessen.

Geplant ist ein Klinikaufenthalt von mindestens zehn Tagen nach der OP, realistischer sind allerdings, was ich so ergoogelt habe, drei Wochen.

Allein, allein …

Nun verabschiedete sich Dr. Schraven und ich sollte noch Blut fĂŒr das Labor abgenommen bekommen. Diesmal bin ich wieder an eine sehr einfĂŒhlsame Schwester geraten, die zwar die Ader nur andeutungsweise und sehr zaghaft klopfte, aber ihr gelang es, die Vene gut zu treffen und Blut zu ziehen. Wir freuten uns beide darĂŒber, denn natĂŒrlich habe ich ihr auch das Ergebnis der Schwester Rabiata an meinem linken Arm gezeigt, der nun bis zur Gewebeentnahme fĂŒr die Zungentransplantation unbedingt von Nadeln verschont bleiben soll, so Dr. Schraven.

Ich habe Vera-Marleen noch nie so erlebt. Sie sagte kein Wort mehr, hatte einen Schock. Ich selbst war etwa in der Stimmung eines GlĂŒcksspielers: Entweder geht es gut oder nicht. Ich habe ja nichts zu verlieren, sondern nur etwas zu gewinnen, nĂ€mlich den Krebs loszuwerden. Der eigentliche Schock kam bei mir erst ein paar Tage spĂ€ter.

Und je mehr ich mich jetzt informiere, desto grĂ¶ĂŸer wird auch meine Angst, die Operation wegen meiner Vorerkrankungen, insbesondere meiner HerzschwĂ€che, nicht zu ĂŒberleben. Ich habe Angst vor einem Herzstillstand wĂ€hrend oder nach der OP. Ich fĂŒhle mich wie ein Feigling, der nicht in den Ring steigen will …

 

Michel Menge’s YouTube-Kanal

Auf youTube habe ich Michel Menge’s Kanal gefunden und werde mir all seine Videos seiner Playlist ĂŒber den Verlauf seines Zungenkrebses anschauen, um vielleicht aus seinen Erfahrungen profitieren zu können oder zumindest eine realistische Vorstellung darĂŒber zu bekommen.

Besonders beeindruckt hat mich der Video-Bericht seiner Ehefrau Nadja ĂŒber den Verlauf der Operation. Ich hĂ€tte gedacht, dass man gerade auf der Intensiv-Station besonders “bemuttert” wird und nicht, dass gerade das Gegenteil der Fall ist.

Und ich war bis heute auch fest davon ĂŒberzeugt, dass man in einer Klinik keine Schmerzen erleiden muss, sondern mit entsprechenden Schmerzmitteln so versorgt wird, dass man schmerzlos ist.

Das war wohl eine FehleinschĂ€tzung, die ich nun erst mal fĂŒr mich verarbeiten muss. Auch Vera-Marleen ist nach diesem Bericht von Nadja erst mal nicht in der Lage, heute Michel’s Playlist weiter zu schauen.

Da ich – wie mir ein Arzt mal bestĂ€tigt hat – extrem schmerzempfindlich bin, ist der Gedanke, keine ausreichenden Schmerzmittel zu bekommen, der Horror fĂŒr mich.

Schmerzempfindlichkeit nennt man Hyperpathie und hier kommt mir zugute, dass ich mal altgriechisch lernen musste (Betonung liegt auf musste). “Hyper” bedeutet auf griechisch ĂŒbermĂ€ĂŸig und “pathos” leiden.

Dass ich allerdings an dieser Krankheit leide, bezweifel ich. Ich bin einfach nur schmerzempfindlicher als der Durchschnitt. So formulierte es damals auch der Arzt.

 

Je mehr Videos von Michel und Nadja anschaue, desto grĂ¶ĂŸer werden meine Zweifel, dass ich diese Operation und nachfolgenden Komplikationen in meinem Alter ĂŒberhaupt ĂŒberstehen kann. Ich bin bei Michels zweitem Video, das er nach der OP und Strahlen- und Chemotherapie gemacht hat, angelangt. Mehr geht heute nicht mehr. Mehr verkraften wir nicht, Vera-Marleen und ich.

Vielleicht sollte ich die Operation abblasen und mich mehr auf die Möglichkeiten einer Immuntherapie oder sogenannten “Targeted Therapy” konzentrieren, dazu googeln und mich Ă€rztlich beraten lassen. Wieviel Lebenszeit hĂ€tte ich, wenn ich nichts machen lasse? WĂ€re diese  womöglich kĂŒrzere Lebenszeit aber vielleicht wertvoller als eine 6-monatige Tortour mit unbeschreiblichen Schmerzen? Wer kann mir bloß darauf eine Antwort geben?

Ich bin heute ziemlich verzweifelt …

Heute, am Dienstag, dem 17. August habe ich bis kurz vor 11 Uhr geschlafen, denn am 19. August soll ich ja zu einer fĂŒr mich unmenschlichen Zeit, nĂ€mlich um 7 Uhr in der Klinik sein. Zu einer sage und schreibe siebeneinhalbstĂŒndigen “OP-Vorbereitung” mit “Untersuchungen, AufklĂ€rungen und NarkosegesprĂ€chen”, so die Patienteninformation. Dazwischen wahrscheinlich stundenlanges Warten, so meine Vermutung. Pati, patim, patis, patit, patimus, patitis, patiunt …

Von oder wohl eher vielleicht irgendwann zwischen 13:30 Uhr bis 14:30 Uhr dann die Vorstellung meiner Wenigkeit bei Professor Dr. Robert Mlynski oder seinem Vertreter, Dr. Sebastian Schraven, der mich auch operieren wird. Da ich nicht der einzige geduldig wartende Patient sein werde, sondern mit mir zwischen fĂŒnf bis zehn andere Patienten warten werden, gehe ich rein rechnerisch mal von einer sechs- bis zwölfminĂŒtigen Stippvisite aus, auf die ich dann im schlimmsten Fall 54 Minuten Wartezeit in Kauf nehmen muss.

So jedenfalls steht es in der mir ausgehÀndigten, schön aufgemachten Patienteninformation, auf der man sogar Platz hat, sich Notizen zu machen.

Aber seit gestern kommen mir immer mehr Bedenken, insbesondere wegen dem geplanten Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) mit dem Risiko eines Herzstillstandes, Verschluss oder Verrutschen der KanĂŒle, Verblutung, Luftansammlung mit ZusammendrĂŒcken der Lunge, Wundinfektion, Verschluss und Verengung der Luftröhre, Speichelansammlung, um einige Risiken aufzuzĂ€hlen.

Trotz meiner Herzinsuffizienz geht es mir gerade richtig gut. Ich habe keine Probleme mit dem Herzen, alles wÀre so schön, wenn der Krebs nicht wÀre. Deshalb frage ich mich:

Wie lange könnte ich jetzt so weiterleben, wenn ich mich nicht operieren lasse?

Nur ein paar Monate oder vielleicht ein paar Jahre? Wenn es ein paar Jahre wĂ€ren, wĂŒrde ich eher den Weg gehen. Aber ich denke mal, keiner wird mir diese Frage beantworten wollen oder können.

Vera-Marleen und ich haben auch keine Familie mehr, die man um Rat fragen kann oder die einen seelisch unterstĂŒtzt. Das ist das Schlimmste, finde ich. Man ist ganz allein mit seiner Entscheidung.

Ich denke auch daran, wie gut es mein Gianni hatte. Einen Hund kann man durch EinschlĂ€fern von seinen Qualen erlösen. Als Mensch ist man dazu verdammt, einen Leidensweg gehen zu mĂŒssen.

Wieder einen Tag mit Informieren und Nachdenken verbracht. Ich habe mir eine SWR-Doku angeschaut ĂŒber Immuntherapie (findest du auf youTube mit der Suche “SWR Doku Immuntherapie” oder nutze diesen Link.)

Beim Nachdenken wunderte ich mich auch, dass ich keine schriftliche Empfehlung des Tumorboards, die am 13. August stattgefunden haben soll, erhalten habe. Da hĂ€tte ja auf jeden Fall bei meinen Vorerkrankungen ein Kardiologe anwesend gewesen sein mĂŒssen. Ich kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass das der Fall war.

Was mich heute am meisten beschĂ€ftigt ist eigentlich, warum meine Zunge seit lĂ€ngerem nicht mehr weh tut. Ich hatte ja mal ergoogelt, dass die Schmerzen beim Zungentumor dann entstehen, wenn er wĂ€chst und gegen das gesunde Gewebe drĂŒckt.

WĂ€re nun die Schlußfolgerung, dass mein Tumor nicht mehr wĂ€chst, vielleicht im Wachstum stagniert oder sogar freiwillig abstirbt?

Das nennt man Spontanremission und kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:100.000 oder mehr, in ganz seltenen FĂ€llen also, passieren.

Wenn mir doch nur jemand diese Frage beantworten könnte!

Ich glaube an …

die Heilkraft der Kamille.

Ich spĂŒle meinen Mund seit dem ich den Knubbel (Krebs) an der Zunge habe, tĂ€glich und teilweise auch nachts mehrmals mit Kamillentee. Das senkt bei mir irgendwie das Schmerzempfinden.

Und ich glaube einfach daran, dass Kamille hilft, das Wachstum der Krebszellen zu verlangsamen. VerrĂŒckt? Macht nix.

Da ich ansonsten kein glÀubiger Mensch bin, tut es mir gut, wenigstens daran zu glauben.

 

Wieder sieben Stunden in der Klinik

Heute, am 19. August 2021, war der sogenannte “OP-Vorbereitungstermin”. Der Ablauf war wieder Ă€hnlich wie bei dem “Panendoskopie-Vorbereitungstermin”. Erst zur Anmeldung, dann zur Registrierung fĂŒr die Stationsaufnahme, bei der zum wievielten Mal auch immer ein und derselbe Fragebogen ausgefĂŒllt werden musste.

Weiter ging es zum Labor fĂŒr ein EKG, Blutdruckmessung und Messung des Sauerstoffgehaltes des Blutes, der nicht korrekt sein konnte, weil das Blut herausgedrĂŒckt wurde. Auch die Blutdruckmessung ist im Grunde eine Farce. Ich messe tĂ€glich zweimal meinen Blutdruck mit einem professionellen MessgerĂ€t und hĂ€tte viel aussagekrĂ€ftigere Werte auf meinem Handy in einer App, doch dafĂŒr hat sich noch nie jemand interessiert. Als ich einmal diese Werte per eMail als beigefĂŒgte pdf an meine HausĂ€rztin geschickt habe, als sie noch bei Nephrocare angestellt war, wurde das aus DatenschutzgrĂŒnden untersagt. Was soll man dazu noch sagen.

Atemlos

Im weiteren, diesmal gut organisiertem Ablauf, erfolgte das Narkose-AufklĂ€rungsgesprĂ€ch mit einem Narkosearzt, einem AnĂ€sthesisten. Das war diesmal im Gegensatz zum letzten AnĂ€sthesisten ein junger, sehr sympathischer und kommunikativer Arzt, der mich beziehungsweise uns ausfĂŒhrlich aufgeklĂ€rt hat. Er stellte auch fest, dass das EKG hervorragend war und der Herzschrittmacher in dieser Zeit kein einziges Mal starten und eingreifen musste.

Auf meine BefĂŒrchtungen, ob mein Herz und Kreislauf diese 8stĂŒndige OP ĂŒberhaupt ĂŒberstehen könnte, beruhigte er uns, indem er uns erklĂ€rte, dass es im Grunde egal ist, ob eine OP eine Stunde oder acht Stunden dauert und dass man wĂ€hrend einer Operation, was Herz und Kreislauf betrifft, bei AnĂ€sthesisten, die sekundenschnell mit entsprechenden Maßnahmen reagieren können, ohnehin in den besten HĂ€nden ist. Er erklĂ€rte uns weiter, dass meine Vollnarkose wĂ€hrend der Panendoskopie bis auf kurze BlutdruckabfĂ€lle ohne Probleme verlaufen sei.

Im weiteren Verlauf des AufklĂ€rungsgesprĂ€ches wollte ich wissen, ob ich bei dieser Narkose wieder das unangenehme GefĂŒhl einer Ohnmacht durchleben muss und wollte wissen, warum ich vorher sagen sollte, wann die Bewusstlosigkeit einsetzt.

Er erklĂ€rte mir, dass man zunĂ€chst ĂŒber eine Atemmaske reinen Sauerstoff einatmet, damit die Lunge in der Lage ist, den Atemstillstand fĂŒr etwa fĂŒnf Minuten zu ĂŒberbrĂŒcken, wenn die Bewusstlosigkeit eintritt. WĂ€hrend man atmet, wird gleichzeitig das BetĂ€ubungsmittel ĂŒber den Venenzugang eingeleitet. Wenn man dann also sagt “Jetzt”, haben die AnĂ€sthesisten etwa fĂŒnf Minuten Zeit, Beatmungshilfsmittel, wie den Tubus, in der Luftröhre zu platzieren.

Übrigens werden VenenzugĂ€nge am rechten Arm, einem Fuß und an der Leiste sigar ein Dreierzugang fĂŒr Infusionen gesetzt.

Ängste genommen

Dieses ausfĂŒhrliche Narkose-AufklĂ€rungsgesprĂ€ch hat uns wirklich sehr viele Ängste genommen.

Im Anschluß daran sollen wir auf die Station 1 gehen, wo ein AufklĂ€rungsgesprĂ€ch mit einem Arzt oder einer Ärztin stattfinden sollte sowie wieder eine Blutentnahme und ein Corona-Test aufgrund der steigenden Inzidenzzahlen in Rostock.

Nach einer gerade noch akzeptablen Wartezeit wurden wir ins HNO-Untersuchungszimmer gerufen. Dort wollte mir eine Schwester, die beim letzten Mal mehrere Fehlversuche bei der Blutentnahme hatte, mir erneut Blut abnehmen. Das habe ich und Vera-Marleen vehement verhindert und so hat die junge FachĂ€rztin Ketino Vashakidze aus Georgien zugesagt, dass sie das ĂŒbernimmt. Oder war sie AssistenzĂ€rztin. Ich glaube, FachĂ€rztin auf ihrem Namensschild gelesen zu haben. Das wĂ€re in der Arzthirarchie ĂŒber der AssistenzĂ€rztin. Weiter oben in der Hirarchie sind dann OberĂ€rzte und leitende OberĂ€rzte und innen sowie der Chefarzt oder die ChefĂ€rztin als Klinikdirektorin.

Sie musste sich allerdings erst mal in meinen Fall einlesen, da sie aus der Poliklinik nebenan kam, wenn ich das richtig verstanden habe, und nicht in der Otto Körner Klinik arbeitete. Keine Ahnung, warum gerade sie und kein anderer Facharzt, der in meinen Fall schon eingearbeitet war.

Das Blut hat sie schmerzfrei und ohne HĂ€matom von meinem rechten HandrĂŒcken abgenommen. Das war perfekt! Anschließend hat sie meinen Mundraum untersucht und den Tumor mit einer Kamera aufgenommen, so dass wir ihn auch das erste Mal ĂŒberhaupt auf einem Bildschirm real sehen konnten. Es war eine Schwellung im ganz hinteren, sehr unzugĂ€nglichen Teil der Zunge mit einer hellen OberflĂ€che mit unebener Struktur.

Sie untersuchte auch mit einem Endoskop durch meine Nase den hinteren Rachenraum und den Tumor, glaube ich. Das war zwar recht unangenehm, aber nicht schmerzhaft.

Den Corona-Test, den ich trotz Impfnachweis ĂŒber mich ergehen lassen musste, empfand ich in der Nase als Ă€ußerst unangenehm.

Nichts fĂŒr Feiglinge

Meine Hoffnung auf eine Spontanremission, also darauf, dass sich der Tumor vielleicht zurĂŒckgebildet hat oder gar abgestorben ist, hat sich leider nicht erfĂŒllt. Im Gegenteil, er scheint gewachsen zu sein und sitzt so ungĂŒnstig, dass man ihn von einem Halsschnitt aus operieren werden muss.

Das ArztgesprÀch mit der georgischen FachÀrztin hat mir alle Fragen, die ich zu diesem Zeitpunkt hatte, beantwortet.

Da um 13:30 Uhr, also erst etwa zwei Stunden spĂ€ter “die Vorstellung bei Prof. Mlynski, dem Direktor der Klinik” vorgesehen war, verließen wir mit Absprache der Ärztin die Klinik, um einen Kaffee in einem Straßencafe in der NĂ€he zu trinken. Zwischendurch rief sie an und informierte uns, dass die “Vorstellung” schon um 13 Uhr stattfindet.

Ich hatte vermutet, dass es sich bei der Vorstellung um ein persönliches GesprÀch im Zimmer des Direktors handelt.

Die “Vorstellung” war aber wörtlich zu nehmen und sehr gewöhnungsbedĂŒrftig. Es war eher eine Visite, die im HNO-Behandlungszimmer stattfand. Ich sollte mich auf den Behandlungsstuhl setzen, Vera-Marleen auf einen Stuhl neben dem Waschbecken und dann stand die Karawane, die dem Professor folgte, je nach Rang nĂ€her oder weiter von ihm entfernt. So habe ich das jedenfalls wahrgenommen.

Ganz außen die AssistenzĂ€rztin Sara Maria van Bonn, die mir zulĂ€chelte, in der NĂ€he des Direktors die georgische FachĂ€rztin, den Rest der Gruppe habe ich nicht wahrnehmen oder zuordnen können. Die Personen, die an einer Visite teilnehmen, werden einem ja auch nicht vorgestellt. Ich hatte auch irgendwie keine Zeit, alle Personen zu scannen.

Und noch ein HĂ€ppchen

Das ging dann auch ziemlich schnell ĂŒber die BĂŒhne: Film mit meiner Zunge ansehen, dann sich selbst ein Bild von meiner Zunge machen und die Aufforderung, Fragen zu stellen. Er erklĂ€rte noch kurz, dass die Wunde am Unterarm von der Gewebeentnahme fĂŒr die Transplantation an die Zunge mit einem HautstĂŒck vom Bauch verschlossen wird. Wieder etwas, was so hĂ€ppchenweise nachgeschoben wurde.

Meine Frage, wann ich wieder fit sein werde, mit “in etwa einem Jahr” zu beantworten, empfand ich als persönliche Katastrophe.

Dann war die Visite auch schon Vergangenheit.

FĂŒr mich war das eine eher unangenehme Angelegenheit, die nicht auf Augenhöhe stattgefunden hat, sondern einen als Patienten sozusagen dahin verwiesen hat, wo man hingehört: Unterhalb der Augenhöhe der Ranghöheren in einer Klinik.

Insgesamt war diese OP-Vorbereitung allerdings besser als die vorangegangene und hat meine, nein, unsere Zweifel an der Operation letztendlich beseitigt. Die Angst bleibt natĂŒrlich.

Countdown: Noch drei Tage

Heute waren wir im Gespensterwald an der OstseesteilkĂŒste von Nienhagen, um BĂ€ume zu umarmen und dadurch Kraft zu tanken. Es war ein schöner, erholsamer und beruhigender Nachmittag. Leider hat sich Nienhagen in den Sommermonaten zum Eldorado fĂŒr Radfahrer entwickelt, so dass es keinen richtigen Spaß macht, zu Fuß auf den Wegen durch den Gespensterwald zu gehen. Zu zweit nebeneinander zu gehen ist unmöglich, ein Radfahrer nach dem anderen, meist in Gruppen, rauscht von hinten und von vorne sehr dicht an einem vorbei, man fĂŒhlt sich wie auf einer Autobahn. Erholung im Wald ist etwas Anderes. Und abseits des Weges muss man aufpassen, nicht in menschliche Hinterlassenschaften zu treten.

Ich bin auch leidenschaftlicher Radfahrer, aber wĂ€hrend der Urlaubszeit zu Fuß im Gespensterwald ist mehr als gefĂ€hrlich. Schade.

 

Noch zwei Tage

Ich habe bis 10 Uhr geschlafen. Nach meiner inneren Uhr und der Normalzeit wĂ€re das ja auch erst 9 Uhr. Draußen scheint die Sonne. Es könnte so schön sein, hĂ€tte ich nicht diesen Tumor in der Zunge. Ich wĂ€re heute am liebsten nach WarnemĂŒnde gefahren und am beziehungsweise im Wasser entlang gelaufen.

Doch im Garten muss noch der Rasen gemÀht und Kartoffeln geerntet werden. Deshalb haben wir dort den Nachmittag verbracht. Ich habe den Rasen gemÀht und Vera-Marleen hat die Kartoffeln geerntet. War auch ein schöner Nachmittag bei bestem Wetter. Nicht zu warm und Sonnenschein.

 

Der letzte Tag …

… wird schneller vorĂŒbergehen als mir lieb ist. Ich komme mir heute vor, wie in der Todeszelle und da fĂ€llt mir spontan Barry Ryan’s Song ein “Zeit macht nur vor dem Teufel Halt”.

Ich werde die Zeit heute mit Vera-Marleen nutzen, dem Mensch, der 41 Jahre treu an meiner Seite stand. LĂ€nger, als irgend ein Mensch aus meiner Familie, weder Vater, Mutter noch Schwester. Deshalb ist der Satz “Die Zeit, die trennt nicht nur fĂŒr immer Sohn und Vater” wie ein Hohn fĂŒr mich, denn sie trennt uns schon fast 41 Jahre, obwohl mein Vater noch lebt. Aber das ist eine andere traurige Geschichte.

 

Songtext “Zeit macht nur vor dem Teufel Halt”

Die Zeit, die trennt nicht nur fĂŒr immer Tanz und TĂ€nzer
Die Zeit, die trennt auch jeden SĂ€nger und sein Lied
Denn die Zeit ist das, was bald geschieht

Die Zeit, die trennt nicht nur fĂŒr immer Traum und TrĂ€umer
Die Zeit, die trennt auch jeden Dichter und sein Wort
Denn die Zeit lÀuft vor sich selber fort

Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah’ morgen

Die Zeit, die trennt nicht nur fĂŒr immer Sohn und Vater
Die Zeit, die trennt auch eines Tages dich und mich
Denn die Zeit, die zieht den lÀngsten Strich

Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah’ morgen
Die Zeit, alle Zeit, Ewigkeit
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah’ morgen
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah’ morgen
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah’ morgen

Ich berichte weiter …

Ich mache den grĂ¶ĂŸten Teil meiner Erfahrungen mit dem Zungenkrebs öffentlich, damit andere von meinen Erfahrungen profitieren können. Man findet nĂ€mlich sehr wenig Erfahrungsberichte ĂŒber diese sehr seltene Krebsart im Internet.

Schaue also immer mal wieder in diesen Artikel rein, wenn dich dieses Tabu-Thema “Zungenkrebs” interessiert.

Nur sehr persönliche Bereiche, wie mein Schmerztagebuch und Krankentagebuch im Detail werde ich meinen Patrons beziehungsweise Steady-Mitgliedern vorbehalten.

Update: Der Krebs ist besiegt!

Dr. Sebastian Schraven, der stellvertretende Klinikleiter der Otto Körner Klinik in Rostock und sein Ärzte-Team sowie die Schwestern und Pfleger der Station 1 unter Leitung von Christian Arndt haben es geschafft, den Tumor vollstĂ€ndig zu entfernen und fĂŒr meine erstaunlich schnelle Genesung zu sorgen.

Am 11. September konnte ich eher als gedacht, aus der Klinik entlassen werden.

Die Otto Körner Klinik ist ĂŒbrigens 1899 von Otto Körner eröffnet worden und die Ă€lteste HNO-Klinik in Nord- und Mitteleuropa.

Ich bin noch etwas zu schwach, um wie gewohnt an meinem Blog, meinem youTube-Kanal und meiner Patreon-Site zu arbeiten, aber es geht aufwÀrts und ich bin hoffentlich bald wieder fit.

Instagram aktualisiere inzwischen tĂ€glich, aber das geht ja auch ohne großen Aufwand und das kann ich so nebenbei machen.

Ganze 7 kg habe ich durch die Operationen abgenommen und nun mein seit lĂ€ngerem angestrebtes Idealgewicht von 81 kg erreicht. Ich kann entgegen aller Erwartungen schon wieder Nahrung und GetrĂ€nke oral zu mir nehmen, wenn auch langsamer als ĂŒblich. Das war meine grĂ¶ĂŸte BefĂŒrchtung, dass ich ĂŒber lĂ€ngere Zeit kĂŒnstlich ernĂ€hrt werden muss.

NatĂŒrlich werde ich noch ĂŒber die Anlage der PEG-Sonde, der 7stĂŒndigen Mammut-Operation zur Beseitigung des Krebses, den Luftröhrenschnitt und das spĂ€tere ZunĂ€hen der Luftröhre unter nur örtlicher BetĂ€ubung in einer 90minĂŒtigen Horror-OP fĂŒr interessierte Leser meines Blogs berichten, sobald ich dazu psychisch und physisch in der Lage bin. Ich muss mich noch ein wenig von den Strapazen erholen.

Und DANKE an all meine Supporter bei Patreon, auch wenn ich im September kaum “Leistung” liefern kann.

Das ist echte UnterstĂŒtzung, ein wunderschönes GefĂŒhl und gibt mir Kraft!

 

11.9.2021: Vom Krebs befreit wieder zu Hause

 

 

Meine Fragen vor der OP und die Antworten

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Vielleicht interessiert dich auch mein Blogartikel “Sechsundvierzig Mal ohnmĂ€chtig”

Links

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Infos zum Zungenkrebs

Krebsinformationsdienst

Medizinische Info zum Zungenkrebs

Blog von Claudia Braunstein “Geschmeidige Köstlichkeiten”

… und Claudia nach dem Krebs on Tour

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Dem Krebs die Nahrung entziehen

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andi

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