Mein Herzstillstand

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6… oder dem Tod von der Schippe gesprungen

Der Blick von meinem Krankenbett in der Wachstation der Kardiologie im Klinikum Südstadt Rostock

Am 14. Januar hatte ich zwischen 19 und 20 Uhr zwei Ohnmachten (Synkopen) innerhalb einer Stunde. Die zweite Ohnmacht, die ich im Sitzen ohne körperliche Anstrengung erlitt, war zwar kurz, aber so heftig, dass ich Todesangst bekam und meine Frau bat, nein anflehte, den Rettungsdienst zu rufen. Eher untypisch für mich als ehemaligen Krankenhaus- und Arzt-Verweigerer.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Rettungsdienst eintraf. Ich dachte schon, die kommen nicht. Aber da standen sie dann im Wohnzimmer, die zwei Sanitäter und wunderten sich wohl, warum ich da saß und nicht ohnmächtig auf dem Boden lag.

“Was ist denn passiert?”, fragten sie mich. “Hatte zwei Ohnmachten”, antworte ich noch etwas benommen. “Wie, in die Hose gemacht?”, fragte einer der Sanitäter etwas herablassend. Ich etwas schockiert über die scheinbar missverstandene Antwort: “Nein, zwei Ohnmachten innerhalb einer Stunde gehabt”. Na, das kann ja was werden, dachte ich so bei mir. Die glauben wohl, ich bin ein Hypochonder, bilde mir die Ohnmachten nur ein.

Vielleicht tue ich den beiden Sanitätern Unrecht, aber ich hatte das Gefühl, dass sie sich über mich lustig gemacht haben. Sie haben auch nur Blutdruck gemessen, der war zu diesem Zeitpunkt, zwanzig Minuten schätzungsweise nach der zweiten Ohnmacht, normal. Sie meinten noch, ich hätte doch lieber den kassenärztlichen Notdienst anrufen sollen. Irgendwie wollten sie mich nicht mitnehmen. Sie meinten, man glaube ihnen in der Notaufnahme bestimmt nicht, dass ich ein Notfall bin.

Aber in meiner Todesangst bin ich zu Fuß zum Rettungswagen gegangen, mit meinem Rucksack, einer Jacke, die ich noch überzog und einer Kappe.

Im Rettungswagen spürte ich schon wieder eine beginnende Ohnmacht und schwankte zur Liege. Dort wurde ich erstmal mit dem Monitor verkabelt, bekam Sauerstoffschläuche in die Nasenlöcher und wurde festgeschnallt. Auf dem Monitor wurde meine Herzfrequenz von nur 36, also eine Bradykardie dokumentiert, das EKG stellte einen AV-Block 3. Grades fest und die Sanitäter entschieden sich, einen Notarzt hinzuzuziehen. Ich merkte auch, dass sie die Sache nun ernst nahmen und sich nicht mehr über mich lustig machten.

Die Notärztin traf auch ziemlich schnell ein und verordnete als Akutbehandlung gegen den niedrigen Herzschlag und drohenden Herzstillstand Atropin. Nachdem sich mein Sinusrhythmus durch das Atropin stabilisiert hatte, ging die Fahrt los Richtung Klinikum Südstadt, ohne Notärztin aber mit Blaulicht und Martinshorn an Kreuzungen. Ich war erstaunt, wie schallgeschützt es in solch einem Rettungswagen (RTW) ist.

Die etwa 12 Kilometer lange Fahrt, so glaubte ich wahrzunehmen, ging über die Stadtautobahn und nach etwa zehn Minuten Fahrt wurde ich in die Notaufnahme des Klinikums Südstadt geschoben und landete dort in der Kabine 8, ganz links außen, nachdem ich “umgebettet” und an den dortigen Vitaldatenmonitor angeschlossen wurde.

Klinikum Südstadt in Rostock auf der Rückseite der Multimedia-Chipkarte

Hier sollte ich die nächsten sieben Stunden auf einer harten, unbequemen Liege und interessanter Geräuschkulisse verbringen.

Sofort betreute mich ein Arzt, stellte mir Fragen und machte sich Notizen. “Oh, Sie haben ja eine ganz schöne Knoblauchfahne”, sagte er. Ich: “Knoblauch ist doch sehr gesund, pustet die Adern durch.” Er: “Na, wenn man dran glaubt.” Oder war es die Notärztin, die das vorher im Rettungswagen äußerte? Ich bin mir nicht ganz sicher, stand ja irgendwie noch unter Schock.  Die Antwort fand ich auf jeden Fall etwas unpassend, denn es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Knoblauchzehe (allium sativum) den Blutfettspiegel bis um zehn Prozent senkt und die Gefäße “putzt”.

Ich glaube, auch ein weiteres EKG wurde gemacht, Blut entnommen, ein Rachenabstrich gemacht und eine Infusion gelegt, aber ich war ja noch benommen von dem Gift der schwarzen Tollkirsche, dem Atropin, auch abgeleitet von Atropos, der griechischen Schicksalsgöttin, im Mythos die Zerstörerin, deren Lebensaufgabe es war, den Faden des Lebens zu zerschneiden. Ganz schön dreideutig, dieses Atropin: Gift, Schicksalsgöttin, Zerstörerin. Aber das Gift als Arznei hat meinen Herzschlag wieder angeregt.

Dann lag ich da wieder eine lange Zeit und irgendwann hatte ich Druck auf der Blase. Was nun tun? Zu rufen traute ich mich nicht, lagen da doch sieben weitere Notfälle und es piepte aus allen Ecken. Das waren die Vitaldatenmonitore. Aber auch die Stimmen von Ärzten, Pflegerinnen und Patienten waren zu hören und persönliche Daten der Patienten ganz entgegen der Datenschutz-Grundverordnung, die natürlich in einer Notaufnahme sehr an Bedeutung verliert.

Nun lag ich da schon etwa vier Stunden und der Druck auf der Blase wurde langsam unerträglich. Ich verrenkte meinen Kopf, um mal zu sehen, ob da jemand ist, den ich rufen konnte. Als ich eine junge Pflegerin in blauem Kittel sah, machte ich mich bemerkbar mit dem Hinweis, dass ich dringend Wasser lassen musste.

“Ich bring’ Ihnen mal ‘ne Ente” …

… sagte sie und ich grübelte darüber nach, was sie damit meinte. Als sie dann mit einer Urinflasche ankam, sie mir aushändigte und den Kabinenvorhang ganz zuzog, schaute ich mir das Teil mal näher an und stellte fest, dass es tatsächlich mit viel Fantasie einer Ente ohne Kopf ähnelte. Allerdings hatte ich noch nie im Liegen gepinkelt.

Ich versuchte mich erstmal auf der Liege hinzusetzen und überlegte, wie ich das Teil nun benutzen könnte. Da ich ja mit dem Monitor verkabelt war, prüfte zunächst, wie weit ich mich bewegen und eventuell aufstehen konnte, um in dieses durchsichtige Plastikteil zu pinkeln. Es klappte im Stehen. Die Schläuche und Kabel waren lang genug. Nachdem ich das kleine Geschäft erledigt hatte, schob ich die Urinflasche unter den Stuhl neben dem Monitor. Sie hatte nämlich keine Verschlusskappe und ich hatte Angst, dass sie umgestoßen werden könnte.

Dann legte ich mich wieder hin und ordnete die Schläuche und Kabel, die mich mit dem Monitor und einer Infusionsflasche verbunden haben. Da mein Kopf unangenehm tief lag, knäulte ich meine Kapuzenjacke zu einer Art Kopfkissen zusammen und benutzte meine Windjacke als Zudecke. Ich war ja in der Notaufnahme und nicht im Hotel Atlantik, sagte ich mir beim Einrichten meines Lagers.

Ich lauschte weiter dem Pieptönen der diversen Vitaldatenmonitore, als ich eine alte Frau laut und hysterisch schreien hörte “Nein, nein, das mach ich nicht.” Eine Pflegerin: “Sie müssen sich aber auf die Seite legen, damit ich Ihnen helfen kann.” Die alte Dame nun sehr energisch und extrem laut: “Nein, das mach’ ich nicht. Nein, nein.” Die Pflegerin: “Warum denn nicht?” Die Antwort: “Nein, nein, das tut weh.” So ging das bestimmt eine viertel Stunde. Dann hörte ich erstmal nichts mehr von der alten Frau.

Dafür wurde es in der Kabine neben mir unruhig. Dort fand ein Arzt-Patienten-Gespräch statt. Dann kam auch noch die Ehefrau des Patienten in die Kabine, die ja nur durch orange Vorhänge getrennt sind. Es schien so eng in der Kabine geworden zu sein, dass meine Urinflasche, die neben dem Vorhang unter einem Stuhl stand, gefährdet war.  Bloß nicht, dass die Flasche umkippt, dachte ich bei mir.

Dann hörte ich wieder das durch Mark und Bein gehende Schreien der alten Frau: “Nein, lassen Sie mich los. Ich will nicht! Das tut weh!” Die Pflegerin versuchte sie immer wieder zu beruhigen, doch die alte Dame war stur. Aber sowas von! Irgendwie musste ich schmunzeln und dachte bei mir: Einfach haben es die Ärzte und Pfleger in der Notaufnahme nicht, das scheint ein harter Job zu sein.

In diesem Moment kam der Arzt wieder zu mir rein und sagte, dass das Ergebnis der Blutuntersuchung noch nicht vorliegt, er aber gleich Feierabend hat und mich an seine Kollegin übergibt. Dann war ich wieder alleine und lauschte weiter dem Piepen der Monitore und den Stimmen der Ärzte, Pflegerinnen und Patienten.

Irgendwann so gegen 3 Uhr 30 morgens kam dann eine Ärztin und sagte mir, dass ich zur Beobachtung auf die Wachstation, Zimmer C134 der Kardiologie gebracht werde. Dort bekam ich erstmal ein Krankenhausnachthemd, so eins, das hinten offen ist und wurde wieder mit einem Vitaldatenmonitor verbunden mit der Bemerkung, dass ich auf keinen Fall das Bett verlassen dürfte. Und diese mir inzwischen bekannte “Ente” – diesmal eine mit Verschluss – wurde an mein Bett gehängt. Auf meine Äußerung: “Ich weiß gar nicht, ob ich das im Bett kann, schon gar nicht im Liegen”, wurde mir erwidert: “Sie wollen doch keinen Katheter, oder? Sie schaffen das.” Das war eine klare Ansage und es klappte nach dieser “Drohung” tatsächlich im Liegen. Ach ja, irgendwelche Infusionen bekam ich auch wieder über den Zugang, der mir schon im Rettungswagen an der linken Hand gelegt wurde.

 

Vitaldatenmonitor auf der Wachstation des Klinikums Südstadt

Allzu viel Zeit zum Schlafen hatte ich nicht, denn ich glaube um 6 Uhr wurde Fieber gemessen, bald darauf durfte ich mich im Krankenbett aufrichten und waschen. Die freundliche Pflegerin rieb meinen Rücken mit Franzbranntwein-Gel ein. Das war sehr wohltuend.

Weniger schön war, dass ich wegen anstehender Untersuchungen gleich nach der Visite um 8 Uhr kein Frühstück bekam. Bei der Visite erklärte man mir, dass ich am Freitag, also am übernächsten Tag, einen Herzschrittmacher bekommen sollte und am Montag dann ein Herzkatheder gelegt würde. Aber erstmal sollte ich genau untersucht werden.

Zunächst wurde ein CCT (craniale Computertomographie) meines Gehirns gemacht, und zwar ohne Anwendung von Kontrastmitteln. Das nennt man native CCT. Das Frühstück habe ich allerdings deswegen nicht bekommen, weil ich Kontrastmittel hätte trinken sollen. Also dumm gelaufen für mich, was das Frühstück betrifft. Aber besser kein Frühstück , als Kontrastmittel zu trinken. Das stelle ich mir unangenehm vor.

Wenigstens war das Ergebnis – wie ich später im Befund nachlesen konnte – beruhigend. Kein Hinweis auf eine frische Hirnblutung (ICB) oder frische Infarktdemarkierung (geschädigtes Gewebe durch Schlaganfall), kein Hirnödem durch einen Tumor beispielsweise und was es sonst noch an schlimmen Dingen im Gehirn gibt. Lediglich diagnostizierte “diskrete SAE” hat mich etwas beunruhigt, aber inzwischen weiß ich, dass es meinem Alter entsprechen normal ist und ich hier auch nicht weiter in diese etwas komplizierte Angelegenheit einsteigen möchte. Wer sich mit dem Thema “Subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie, SAE” beschäftigen möchte, kann ja den Wikipedia-Artikel dazu lesen. Meine Hausärztin hat jedoch betont, dass eine “diskrete SAE” in meinem Alter, also mit 67 Jahren vollkommen normal sei.

Als weitere Untersuchung an diesem Morgen wurde eine “Röntgen-Thorax a.p.” gemacht, eine Röntgen-Aufnahme des Brustkorbes bei liegendem Patienten (ap = anterior-posterior = Strahlenquelle vor dem Brustkorb, Film dahinter). Das für mich sehr beruhigende Ergebnis: “Unauffälliger Herz- und Lungenbefund”. Das wurde mir natürlich nicht im Krankenhaus mitgeteilt, sondern das erfuhr ich erst, als ich den Befund des Krankenhauses zu Hause gelesen und aus dem Ärztelatein (siehe auch “Andi’s gesammeltes Ärztelatein”) übersetzt habe.

Eine weitere Untersuchung war die “Transthorakale Echokardiographie“, kurz TTE oder Ultraschalluntersuchung genannt, die eine mir sehr sympathische, einfühlsame Ärztin vornahm. Sie war auch diejenige, die später nach meinem Herzstillstand mit als Erste an meinem Bett war. Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte Dr. med. Lisa Herrmann gewesen sein. Ich werde es noch herausbekommen, muß ja immer mal wieder zur Kontrolle des Herzschrittmachers ins Klinikum Südstadt.

Zusammenfassend ergab diese Untersuchung eine beginnend eingeschränkte LV-Funktion (linker Ventrikel, Herzkammer) mit einer EF (Auswurffraktion, Ejektionsfraktion) in Höhe von 47% und einem GLS (Global Longitudinal Strain“, Kontraktionsfähigkeit des linken Ventrikels) von -17%. Gute RV-Funktion, also der rechten Herzkammer, des rechten Ventrikel. Diastolische Relaxationsstörung, also gestörter Bluteinstrom in die Diastole. Auf Deutsch: Das Blut wird nicht ordentlich angesaugt. Nach einigem Google fand ich heraus, dass das Letztere nicht so schön ist, da es medikamentös nicht geheilt werden kann. Die einzige Therapie, die hier hilft, ist nur Ausdauer- und Krafttraining bzw. strammes Gehen, wie ich es täglich praktiziere.

Übrigens hat sich mein EF-Wert von November 2018 bis Januar 2020 mit 47% (leicht eingeschränkt) nicht verändert. Ich denke mal, dass das kein schlechtes Zeichen und vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass ich sehr darauf achte, immer meine (möglichst) mindestens 8.000 Schritte am Tag zu absolvieren. Ich Frühjar und Sommer auch kein Thema.

 

Screenshot vom 15. Januar 2020 mit 14 Grad Celsius in Rostock

Aber zurück zum 15. Januar, den Tag, als es in Rostock 14 Grad Celsius warm war und ich in der Wachstation der Kardiologie lag. Wehmütig schaute ich nach draußen, wo die Sonne am blauen Himmel strahlte und laut Wetter-App frühlingshafte Temperaturen herrschten.

Da ich meine Kopfhörer vergessen hatte einzupacken, besorgte mir ein Praktikant freundlicherweise einen Einwegkopfhörer für zwei Euro aus dem Automaten und ich hörte etwas Musik vom Handy. Durch die vielen Infusionen und Untersuchungen war ich sehr müde und nickte immer wieder ein oder döste vor mich hin. Der Monitor neben mir piepte eintönig vor sich hin. Die Tür vom Zimmer blieb die ganze Zeit offen und ich hörte die Schwestern und die Pieptöne des Monitors außerhalb meines Zimmers.

Irgendwann begann mein Magen zu knurren und dann gab es auch schon bald Abendbrot, das ich mir vorher von der Zusammensetzung individuell bestellen durfte. Und das war gar nicht übel, hat mir geschmeckt. Eine Tasse schwarzer Tee, drei Schwarzbrote a 1,5 BE, 30 g Butter, je ein Schmelzkäse, Frischkäse, Schnittkäse, ein Rohkostsalat und einen Fruchtjoghurt a 1 BE. Eine BE, sogenannte Broteinheit sind 10 – 12 g Kohlenhydrate, habe ich mir ergoogelt.

Ich schrieb noch kurz über WhatsApp mit Vera und muß dann eingeschlafen sein.

Plötzlich schreckte ich auf, weil ich weiße Blitze sah und ein lautes Rauschen in meinen Ohren verspürte. In Panik drückte ich den roten Nothilfeknopf und schaute zum Monitor. Dort sah ich, wie sich eine gerade Nulllinie nach links bewegte und ich kann schwören, dass ich auch eine Null als Zahl gesehen habe.

Nach gefühlten 30 Sekunden ging die Tür auf und eine Schwester fragte “Was gibt es?”

“Ich glaube, ich hatte wieder eine Ohnmacht.” Hätten die das überhaupt gemerkt, wenn ich den roten Knopf nicht gedrückt hätte, fragte ich mich geschockt.

Dann stürmten eine Ärztin – die am Morgen mein Herz mit Ultraschall untersucht hat – und eine weitere Schwester rein, die scheinbar am Zentralmonitor meine Ohnmacht gesehen haben. Eine Schwester legte mir blitzschnell eine Infusion und verstellte das Bett so, dass meine Füße hoch lagerten und mein Oberkörper auch etwas angehoben war. Und sie öffnete das Fenster.

Herzstillstand? Oder hab’ ich das nur geträumt …

fragte ich die Ärztin. “Nein”, sagte sie. “Sie hatten einen Herzstillstand (Asystolie) von mehr als 20 Sekunden, und das Beste daran ist: Nun ist endlich dokumentiert, warum Sie immer ohnmächtig geworden sind. Es liegt am Taktgeber Ihres Herzens, dem Sinusknoten.”

Die Tür von meinem Zimmer blieb die ganze Nacht geöffnet. Das beruhigte mich ein wenig. Und nachdem ich mit der Handsteuerung das Bett nicht in die normale Position zurückschalten konnte – das ging nur von der Außenseite des Bettendes aus – bat ich eine Schwester, das zu tun und versuchte, einzuschlafen.

Am nächsten Morgen ging es dann Schlag auf Schlag. Mit leerem Magen wartete ich auf die Visite um 8 Uhr. Der Arzt sagte nur knapp: “Nach Ihrem Herzstillstand gestern Nacht können wir nicht länger mit dem Herzschrittmacher warten. Wir schieben Sie heute dazwischen. Momentan läuft gerade eine OP. Danach sind Sie dran …”

Ich stotterte etwas von “Wann genau denn?”, aber da war der Arzt mit seinem “Gefolge” auch schon wieder verschwunden.

Also ich zur Schwester: “Aber pinkeln muss ich auf jeden Fall noch vorher. Und mein Handy uns Bauchtasche müssten ins Schließfach.”

Die Schwester: “Ente bring’ ich gleich. Ihre Sachen können sie so liegen lassen. Hier kommt nichts weg. Wir sind ja da.”

Da habe ich aber schon andere Storys gehört, dachte ich so bei mir. Als Ärzte verkleidete Diebe, die Geld und Wertsachen in Krankenhäusern klauen. Aber ich habe jetzt wohl essenziellere Probleme, sagte ich mir, führte die Ente unter der Bettdecke und schwups, war die Schwester auch wieder weg.

Und ehe ich mich überhaupt mit dem Gedanken, in einer Stunde möglicherweise operiert zu werden, anfreunden konnte, wurde ich auch schon geholt und zum OP-Saal geschoben – mit dem Vitaldatenmonitor am Fußende.

Ein Aufzug war defekt. Der nächste schon mit einem Patientenbett belegt und der dritte Aufzug kam irgendwie nicht. “Das ist kein gutes Omen. Bei mir geht bestimmt alles schief”, sagte ich zur Schwester hinter meinem Kopfende. “Nein, nein, sagen Sie das nicht!”, versuchte mich die sympathische Schwester zu beruhigen. “Alles wird gut”.

Irgendwie wie im Himmel

Irgendwann waren wir dann im OP-Saal angekommen und es war wie in einer anderen Welt:

Ich habe sehr helles Licht wahrgenommen, beruhigende Musik erfüllte den Raum und hatte das Gefühl, dass alle in diesem OP-Saal fröhlich und unbeschwert waren. Der Chefarzt der “Klinik für Innere Medizin I”, Dr. med. Rolf Kaiser, begrüßte mich und sagte: “Es dauert nicht mehr lange, Sie sind bald dran.”

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich die ersten Beruhigungsinfusionen bekommen habe, ob schon in der Wachstation oder erst  im Operationssaal. Zumindest fand ein Aufklärungsgespräch aufgrund der Notsituation und schnellen Operation nicht statt, obwohl es so im Befund dokumentiert wurde. Allerdings hatte ich schon am Vortag einen Patientenaufklärungsbogen von Thieme Compliance erhalten, den ich jedoch nur überflogen hatte, da ich die Risiken der Operation ohnehin gar nicht wissen wollte.

Irgendwann war es dann soweit. Ich weiß nicht, wie lange ich warten musste, denn man hat irgendwie kein Zeitgefühl mehr. Aber dann ging es los. Die Operation, auf die ich mich mental gar nicht vorbereiten konnte. Doch irgendwie war ich in einer “Scheiß-egal-Stimmung”, hatte noch nicht einmal Angst vor der Implantation.

Ich wurde mit einer grünen Plane abgedeckt, in der eine Art Fenster war, aus dem ich eine Ärztin an einem Computer mit großem Bildschirm beobachten  konnte. Der Operateur erklärte mir dann, dass er die Stelle um den Schnitt (ich glaube mit Kodan forte, sieht orange aus) desinfizieren und dann durch mehrere Injektionen betäuben würde. Und dass meine Arme festgeschnallt würden.

Dann spürte ich irgendwann, wie eine Art Plastikfolie auf die Operationsstelle gelegt wurde und ein Schnitt erfolgte. Ich glaube, nun wurden erstmal die drei Drähte mit den Sonden durch Venen Richtung Herz geschoben und die Ärztin, die ich am Bildschirm sah, beobachtete das wohl und gab Informationen über die Lage der Sonden. Dieses Gefummel dauerte ziemlich lange, aber ich hatte absolut kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen verspürte ich keine.

An der Implantation müssen neben der Ärztin am Bildschirm, die wahrscheinlich auch Anästhesistin, Narkoseärztin war, zwei weitere Ärzte beteiligt gewesen sein, denn neben operativen Anweisungen haben sie sich über alltägliche Dinge unterhalten. Das gab mir ein Gefühl der Sicherheit, da scheinbar alles routinemäßig verlief, wenn man sich so locker unterhält.

Unangenehm wurde es erst dann, als der eigentliche Herzschrittmacher in die geöffnete Stelle unter dem Schlüsselbein eingeführt und wohl mit den drei Sonden verbunden wurde. Da ich einen speziellen Herzschrittmacher erhalten habe, der – soviel ich weiß – auch größer als die normalen Herzschrittmacher mit zwei Sonden ist, musste der Operateur einige Kraft ausüben, um das Teil “reinzudrücken”. Das tat zwar auch nicht weh, war aber ein für mich unangenehmes Gefühl.

Nach etwa eineinhalb Stunden sagte der Operateur, dass die Implantation des Herzschrittmachers problemlos verlaufen sei und ich erwiderte: “Das hat auch einen souveränen Eindruck auf mich gemacht. Danke.”

Ach ja, auf die Wunde wurde noch ein kleiner Sandsack gelegt, um eine Nachblutung zu verhindern.

Nun wurde ich noch für etwa zwanzig Minuten in eine Aufwachkabine geschoben, bis mich eine Schwester mit den Worten abholte: “Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Zuerst die schlechte Nachricht: Sie werden in ein anderes Zimmer verlegt. Die gute Nachricht: Ihre persönlichen Sachen sind schon dort.” So karrte sie mich in den dritten Stock in die Innere, Station 3, Kardiologie.

Zimmermäßig verschlechtert

Ach du meine Güte, war das ein winziges Zweibettzimmer. Nun verstand ich erst, dass es tatsächlich eine schlechte Nachricht war. Das Zimmer war gerade mal 12 Quadratmeter groß, schätze ich. Und der Ausblick: Eine Wand, kein freier Blick wie im anderen Raum, in dem ich vorher war.

Und da war noch ein Patient in meinem Alter, der sich als Peter aus Magdeburg vorstellte. Oder war es Leipzig? Er hatte am vorangegangen Wochenende einen Herzinfarkt, so erzählte er mir mit leicht sächsischem Akzent. Dann widmete er sich wieder seinem Kreuzworträtsel.

Ich döste so vor mich hin, bis Vera mich besuchte, um mir Morgenmantel, Waschzeug, Apfelsinen, Bananen und vor allem Avocados mitzubringen. Und ich brauchte auch ihre Hilfe, um an die Multimedia-Chipkarte zu kommen, die das Krankenhaus zwar in einem Automaten anbot, aber an die man als Patient ja nicht herankam, wenn man am Vitaldatenmonitor angeschlossen war oder das Bett nicht verlassen durfte, so wie ich. Die Schwestern konnte man damit natürlich nicht beauftragen. Aber, wenn jemand keine Angehörigen hat … Vielleicht gibt es dafür ja einen Sozialdienst oder so etwas Ähnliches. Keine Ahnung.

Ich war von der Operation immer noch ganz schön geschlaucht und döste immer wieder ein. Gegen Abend wurde dann der Sandsack entfernt und die Wunde begutachtet. Keine Nachblutung. Ich wurde auch vom Monitor abgestöpselt und von der nervigen Blutdruckmanschette befreit. Nur eine Infusionsflasche hing noch mit mir verbunden an einem Ständer. Das war ein Antibiotikum namens Clindamycin, welches das Wachstum und die Vermehrung der Bakterien verhindert. Zum Trinken bekam ich eine Schnabeltasse aus Plastik.

Inzwischen hatte ich bemerkt, dass die Ohrhörer und vor allem meine Informationsbroschüre für die Implantation des Herzschrittmachers nicht mehr auf den Nachttisch waren. Ich bat eine Schwester, in der Wachstation nachzufragen, wo die Sachen abgeblieben sind. Sie wollte sich drum kümmern. Ich durfte das Bett ja noch nicht verlassen. Und ohne Ohrhörer konnte ich nicht fernsehen.

Nächtliche Rettungshubschrauber-Einsätze

In der Nacht begann plötzlich ein richtiges Spektakel. Der Rettungshubschrauber, der in Sichtweite unseres Fensters stationiert war, landete und startete mehrere Stunden bis weit nach Mitternacht. Das war ein Höllenlärm. Später erfuhr ich, dass in dieser Nacht das Klinikum Südstadt mit dem nächtlichen Hubschrauber-Rettungsdienst dran war und deshalb so viele Einsätze geflogen wurden. Diese nächtlichen Rettungsdienste werden über alle Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern oder Teilen von MV verteilt, so habe ich das verstanden.

Irgendwann war zwar mit den Hubschraubern Ruhe, dafür aber schnarchte mein Zimmernachbar so laut, dass ich nicht schlafen konnte. Als ich mit meiner Schnabeltasse immer auf das Tablett des Nachttisches klopfte, hörte er kurz auf. So ging das die ganze Nacht. Zwischendurch ärgerte ich mich über die Schwester, die sich nicht – wie versprochen – um meinen Kopfhörer und die Broschüre gekümmert hat. Ich war stinksauer und auf hundertachtzig.

Als die morgens die erste Schwester zum Fiebermessen am Ohr ins Zimmer kam, lies ich meinen ganzen Frust ab und verlangte die Oberschwester. Eine ältere Schwester von der Marke “dominant”, wie man sie auch oft in Arztpraxen findet, kam dann irgendwie auf die Idee, in meinen Rucksack zu schauen, an den ich ja wegen Bettruhe nicht rankam, und siehe da: Der Kopfhörer kam ans Tageslicht. “Und wo ist die Aufklärungs-Broschüre?”, fragte ich. “Die wird wohl in ihrer Akte sein”, kam es etwas schnippisch zurück. Ich habe mir meinen Teil gedacht, welchen Sinn eine Aufklärungs-Broschüre in der Krankenakte macht und auch, dass ich mit dieser Dame wohl keine Freundschaft schließen werde. Aber wie gesagt: Diese dominante Sorte “Schwester” gibt es immer wieder. Das sind meist die Dienstältesten.

Das Mittagessen war heute super lecker: Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Als Nachtisch rote Grütze mit Soße. Danach machte ich ein Nickerchen.

Irgendwann kam die Oberärztin mit einem Facharzt und einem fahrbaren Computer, um meinen Herzschrittmacher zu testen und nach zu programmieren. Sie verband die noch an mir befestigten Elektroden vom Monitor nun mit ihrem Computer und prüfte die Funktionsweise des implantierten Herzschrittmachers anhand einer sogenannten Schrittmacherabfrage. Die ermittelten Daten waren regelrechte Werte und wurden in den “Surescan-CRT-Herzschrittmacher-Patientenausweis” (welch ein Name) eingetragen. Die Oberärztin kündigte an, dass es kurz unangenehm werden könnte. Und tatsächlich hatte ich das Gefühl, als ob ich kurzzeitig “unter Strom” stand. Ich kann das Gefühl nicht mehr so genau beschreiben, es war aber alles andere als angenehm. Dann händigte sie mir den Ausweis aus, aus dem hervorging, dass es sich um ein Ganzkörper-MRT-fähiges System handelt und dass “unter Einbehaltung bestimmter Voraussetzungen eine MRT-Untersuchung bei 1,5 T oder 3 T (Tesla = Magnetfeldstärke) durchführbar ist.”

Eine Cola in der Cafeteria

Meine verordnete Bettruhe wurde nun auch für beendet erklärt und ich machte mich erstmal auf, die nähere Umgebung zu erkunden. Da ich seit der Einlieferung in die Notaufnahme keinen Stuhlgang hatte, machte ich mich auf den Weg in die Cafeteria im Eingangsbereich des Klinikums Südstadt. Zunächst ging ich kurz raus an die frische Luft und atmete tief ein. Das tat gut!

Eine Cola, die ich sonst sehr, sehr selten trinke, sollte bei meinem Problem hilfreich sein, dachte ich mir und setzte mich in die Cafeteria. Dort konnte ein bisschen “Leute beobachten”. Das gefiel mir. Doch als ich plötzlich Schweißperlen auf der Stirn hatte, war mir klar, dass ich es noch nicht übertreiben darf und trottete erstmal wieder zurück zu meinem Krankenbett.

Mein Zimmernachbar Peter hatte inzwischen Besuch von seiner Frau bekommen, einer ehemaligen Kindergärtnerin, wie er mir erzählt hat. Er selbst hat in der DDR als Auslandsmonteur gearbeitet, war aber nicht in der Partei, erzählte er mir. Er versteht es selber nicht, so machte er mir weiß, warum man ihn ins nicht-kommunistische Ausland reisen ließ, ohne dass er in der Partei war. Peter war wohl unauffällig und regimetreu, ein Mitläufer. Als Rentner macht er nun gerne Reisen nach Venezuela und so weiter. Ich wurde richtig neidisch, dass er wohl im Gegensatz zu mir zwei richtig fette Renten mit seiner Frau hat. Aber mich hat ja keiner gezwungen, fast mein ganzes Leben als Freiberufler mit den Konsequenzen bezüglich der Altersversorgung zu arbeiten.

Ach ja, was mir noch aufgefallen ist und irgendwie typisch ostdeutsch sein muss: Bei der Unterhaltung zwischen denn beiden wurde vom Leise-Reden-Modus oft in den Flüster-Modus mit vor den Mund gehaltener Hand geschaltet. Es kam mir vor, als ob die Beiden das instinktiv machen und dass es wohl eine Angewohnheit aus den DDR-Zeiten sein muss. Das habe ich in derart auffälliger Form noch nie bemerkt.

Mittlerweile wirkte die Cola und ich durfte das einlagige, hauchdünne, fast durchsichtige Krankenhaus-Klopapier ausprobieren. Nachdem ich meinen Heißhunger auf eine Apfelsine gestillt hatte, machte ich mich wieder auf eine neue Runde durch die Klinik, diesmal Richtung Notausgang und Rettungshubschrauber-Landeplatz. Der Notausgang am Ende des Ganges führte in ein Treppenhaus, von dem man auf den Hangar und den Rettungshubschrauber schauen konnte. Ich machte das Foto und wollte wieder zurück, doch die Notausgangstür war ins Schloss geschnappt und ließ sich vom Treppenhaus aus nicht öffnen.

Blick vom Notausgang-Treppenhaus zum Rettungshubschrauber

Ich also erstmal runter, die nächste Tür ausprobiert. Das Gleiche: Ließ sich nicht öffnen. Noch ein Stockwerk weiter runter, da war eine Tür mit dem Schild “Notaufnahme. Bitte klingeln.” Hmm, dachte ich. Da ist ja noch eine Tür, die nach außen führte, zu einer Wiese und zum Hubschrauber. Ich öffnete die Tür und schaute nach links und rechts. Nein, das lud nicht dazu ein, im Bademantel und Clogs eine größere Strecke zu laufen. Also wieder rein. Da führte eine Treppe in den Keller, aus dem ich viele Stimmen hörte, keine Ahnung, ob das die Krankenhausküche, Wäscherei oder wer weiß was war. Irgendwo werden im Keller ja auch die Verstorbenen untergebracht. Nö, dann lieber bei der Notaufnahme klingeln.

Und schon wieder in der Notaufnahme

Ich klingelte also und ziemlich schnell stand eine Schwester vor mir. “Waren Sie nicht vor zwei Tagen schonmal hier in der Notaufnahme?”, fragte sie scherzend und schien zu wissen, dass ich im Treppenhaus gefangen und bestimmt nicht der erste war, der dort um Einlass gebeten hat. Ich ging mit ihr einen langen Gang lang, vorbei an den Kabinen, in denen ich am 14. Januar auch in der Nummer 8 lag und dann stand ich wieder im Foyer. Von dort aus kannte ich den Weg in mein Zimmer.

Dann kam nochmal die Oberärztin und sagte, dass sie einen Fehler in der Programmierung des Herzschrittmachers festgestellt hat und das kurz ändern muss. Dazu wurde ich nochmal an ihren Computer angeschlossen und sie testete irgendwie irgendwas. Keine Ahnung, habe auch nicht nachgefragt. Das Ergebnis wurde dann auch wieder im Schrittmacher-Pass dokumentiert. Außerdem wurde festgelegt, dass ich Mitte Mai zum nächsten Schrittmacher-Check ins Klinikum kommen soll.

Der weitere Nachmittag und Abend verlief unauffällig. Abendessen, Fernsehen. Schlafen.

Gegen 22 Uhr hatte ich starken Wundschmerz und ging Richtung Schwesternzimmer, um mir ein Schmerzmittel geben zu lassen. Die Schwester gab mir einen blauen Schmerztrunk, wie ich später herausbekam: Novaminsulfon 500mg /ml-Tropfen, ein starkes Medikament, dass nach Operationen die Schmerzen lindert. Nachts um 2:30 Uhr wachte ich schweißgebadet und mit einem bitteren Geschmack im Mund auf und rief per roten Knopf nach einer Schwester. Sie meinte, dass das nach dem Schmerztrunk nicht ungewöhnlich sei und brachte mir ein Handtuch und zwei neue Nachthemden. Die sexy Teile, die hinten offen sind. Dann schlief ich schnell wieder ein. Peter schnarchte in dieser Nacht kaum, oder ich hörte es nicht.

Am nächsten Morgen, Samstag, den 18. Januar, erfuhr ich, dass ich entlassen werde, obwohl ich mich ziemlich schwach fühlte. Aber ich freute mich trotzdem. Zu Hause zu sein ist dann doch etwas anderes. Doch vorher wurde noch Blut abgenommen, denn nur wenn die Blutwerte in Ordnung seien, könnte ich entlassen werden. Die Auswertung dauerte etwa eine Stunde. Die Wartezeit nutzte ich, um meine Sachen zusammenzupacken und ein wenig herumzulaufen. Ja, das kleine Video unten habe ich in dieser Zeit auch aufgenommen.

Nachdem meine Blutwerte in Ordnung waren und ich kein Fieber hatte, erhielt ich den Krankenhausbefund und das von mir erbetene Formular “Muster 4 zur Verordnung von Krankenbeförderung” für den Taxifahrer, damit ich nur die Zuzahlung von 10 Euro zu leisten hatte.  Allerdings hatte der wortkarge Taxifahrer dann vergessen, auf meinem Beleg für die 10 Euro meinen Namen und meine Adresse einzutragen, sodass meine Krankenkasse mir diese Kosten zunächst nicht erstattet hat. Ich muss also vom Taxiunternehmen bestätigen lassen, dass tatsächlich ich und niemand anders transportiert wurde. Reine Schikane in meinen Augen, mit der Krankenkassen ihre Patienten noch kränker machen.

Hier also mein Rat: Bei Belegen für die Krankenkasse grundsätzlich vom Aussteller deinen Namen und Adresse eintragen lassen!

Sechs Wochen Einheilungsphase

Nun berichte ich mal weiter, wie es mir die Tage und Wochen nach der Operation ging. Also, den linken Arm durfte ich die nächsten 6 Wochen nicht über Brusthöhe anheben (man lies auch, dass zwei Wochen reichen), da die Einwachsphase des Herzschrittmachers sechs Wochen beträgt und man sonst Gefahr läuft, dass sich die Sonden im Herz lösen. Das kann allerdings, so habe ich gelesen, auch später noch passieren.

Ich konnte zudem sechs lange Wochen nicht auf der linken Seite schlafen. Das war für mich als Linksschläfer in Embryo-Schlafstellung zunächst schwer, da ich auch ungern auf dem Rücken schlafe. Das hat sich inzwischen allerdings gegeben  und ich schlafe wieder abwechselnd links und rechts. Vielleicht hing das auch mit meinen Herzrhythmusstörungen zusammen, dass ich die letzten Jahre bevorzugt auf der linken Seite geschlafen habe.

Der Wundschmerz hielt mehr oder weniger etwa vierzehn Tage an, aber erst nach sechs Wochen verspürte ich tatsächlich keinen Schmerz mehr bei Berührung.

Mein Schrittmacher mit drei Sonden scheint jedoch größer zu sein, als ich zunächst vermutete. Jedenfalls zeichnet sich unter meinem linken Schlüsselbein eine ovale, deutliche Erhöhung von sechs mal sieben Zentimeter ab, ungefähr einen Zentimeter hoch. Die Narbe ist seltsamerweise nur 5 cm lang. Ob diese “Beule” noch verschwindet, konnte ich bisher nicht ausfindig machen.

So, das Problem mit den Ohnmachten aufgrund meiner Herzrhythmusstörung durch fehlende Reizweiterleitung sollte nun mit dem Herzschrittmacher gelöst sein. Allerdings muss nun noch durch eine Herzszintigraphie (Myokardszintigrafie) festgestellt werden, ob eine Herzkranzgefäßerkrankung (KHK) vorliegt oder ausgeschlossen werden kann. Das wird aber eine neue Geschichte.

Herzschrittmacher-Nachsorge im Klinikum Südstadt in Rostock

Schrittmacherkontrolle

Update 11. Mai 2020: Durch die Corona-Krise habe ich die Herzszintigraphie bisher nicht durchführen lassen.

Nicht aufschieben kann ich allerdings die Schrittmacher-Kontrolle im Klinikum Südstadt in den nächsten Tagen. über diese etwa einstündige Untersuchung werde ich dann ausführlich berichten.

Du wirst erfahren, wie oft mein Herzschrittmacher (HZM) eingreifen musste und mich vor Ohnmachten bewahrt hat, wie der Zustand der Batterie ist und ob Funktionsstörungen des HZM eingetreten sind. Außerdem wird eine sogenannte Reizschwellenprüfung vorgenommen, um den Energieverbrauch zu optimieren und eine endgültige Einstellung des HZM vorzunehmen, sowie Prüfungen der Reizbeantwortung und Wahrnehmungsfunktion des Schrittmachers bzw. der Sonden.

“Die Schrittmacherkontrolle beginnt mit einer Befragung des Patienten über sein Allgemeinbefinden, spezielle kardiale Symptome (z. B. Synkopen, Dyspnoe (Anm. Atemnot), Herzklopfen, Angina pectoris, Belastungsfähigkeit) und zerebrale Symptome (Anm. Unterversorgung mit Sauerstoff) sowie Anzeichen von Zwerchfell- und Muskelstimulation oder Thoraxschmerzen. Wichtig ist die Frage nach dem Pulsverhalten. Auch nach den Anzeichen eines Schrittmachersyndroms sollte gefragt werden. Dies kann sich in allgemeinen Symptomen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Belastungseinschränkungen etc. bis hin zum Kreislaufkollaps äußern.” (Zitat: Qualitätsbeurteilungs-Richtlinie Herzschrittmacher-Kontrolluntersuchungen / KV Berlin)

Update 30. Juni 2020: In meinem Fall lief die Nachsorge folgendermaßen ab: Ich wurde befragt, ob ich nach der Imlantation weitere Ohnmachten gehabt hätte. Dies konnte ich verneinen. Danach wurde ein EKG gemacht und zusammenfassend wie folgt beurteilt: “Sonden und Aggregat sind hervorragend eingeheilt. Im EKG sehen wir eine vorhofgeführte biventrikuläre Stimulation mit entsprechendem stimulationsassoziiertem Vektor und einer rechnerischen QRS-Dauer von 124 ms.”

Ob das gut oder schlecht ist, wurde mir nicht gesagt. Ich muss also googeln. Auf medizinischen Seiten im Internet erfährt man, dass man ab 120 ms von einem kompletten Schenkelblock ausgehen muss, also eine Reizleitungsstörung im Herzen vorliegt, was ja bei mir zutrifft.

In der sogenannten Epikrise, einer abschließendne kritischen Beurteilung eines Krankheitsverlaufs vonseiten des Arztes, wurde noch festgehalten, dass ich aufgrund der – so wörtlich – “Corona-Krise” in Anführungszeichen geschrieben, noch nicht bei der empfohlenen Myokardszintigraphie gewesen bin.

Nach meinem Empfinden macht man sich irgendwie durch diese Schreibweise über die Pandemie lustig, indem man sie als Krise und nicht als ernst zu nehmende Pandemie bezeichnet. Zumindest finde ich die Schreibweise mehr als seltsam.

Abschließend folgen noch Abfragewerte wie P- und R-Potential, Reizschwellen, Impedanzen und Schätzung der Laufzeit der Batterie mit 11,5 Jahren.

Ich erfahre schliesslich noch, dass “zum Abfragezeitpunkt kein Eigenrhythmus über 30/min war”. Und was mich am meisten interessierte: Wie oft der Herzschrittmacher “eingreifen” musste, um Signale zu senden, wurde wie folgt beantwortet:

“Zusammenfassend ist es vereinfacht ausgedrückt so, dass bei einem AV-BockIII ohne ventrekulärem Eigenrhythmus erwartungsgemäß zu rund 100% ventrikulär stimuliert wird und dies eben auch zu rund 100% biventrikulär erfolgt – und dies soll und muss so sein. Zu 14% erfolgt bei der eingestellten Grundfrequenz von 60/min auch atriale Stimulation.”

Wenn ich das also richtig verstehe, sendet das Teil laufend Signale … Hmm,  da muss ich wohl noch weiter googeln, um das zu verstehen … Ich mache mich also erstmal schlau und schreibe dann hier weiter …

 

Vielleicht interessiert dich auch mein Artikel “Dreißigmal ohnmächtig”

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Hier mein Video zu dem Ereignis, auch als Dank an die Beteiligten

Links

Sehr guter Artikel, den jeder lesen sollte, der einen Herzschrittmacher hat!

Website des Klinikum Südstadt in Rostock

Meine Bewertung des Klinikum Südstadt bei Klinikbewertungen und Google-Bewertungen

Medtronic: Deutsche Website für Patienten und Fachkreise

Herzschrittmacher-Imlantation: So haben andere Patienten die Operation empfunden

Rostocks Rettungsdienst

Focus: Die Notaufnahme. Wie Ärzte und Pfleger an ihre Grenzen gehen

Aus dem Alltag einer Intensivstation

Medtronic:Bradykardie (langsamer Herzschlag)

Apothekenrundschau: AV-Block

Ärzteblatt: Notfall Herzrhythmusstörungen

Wissen für Mediziner: Herzschrittmachertypen

Was man nach einer HSM-OP beachten muss

Das Leben mit einem HSM

Herzerfrischend: Behandlung von Herzrhythmusstörungen

Herzschrittmacher: Das ist nach der Implantation zu beachten

Lebenserwartung mit Herzschrittmacher

Kardio-Praxis Rostock am Klinikum Südstadt

Therapie der chronischen Herzinsuffizienz(pdf)

Durch Zufall auf diese unglaubliche Geschichte gestoßen: Tod durch Behandlungsfehler

Metamizol, Novalgin: Vorsicht geboten

Video-Galerie zum Thema

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Andi

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Ich bin im Sternzeichen des Schützen geboren. Nun weißt du Alles über mich.

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5 Antworten

  1. Gerhard Sommer sagt:

    Sehr interessant Deine Ausführungen bzgl. Herzschrittmacher. Ich soll in 14 Tagen ein CRT-P-System bekommen. Was für einen genauen Typ oder Hersteller weiß ich noch nicht. Die Frage ist für mich nur, kann ich den Typ selbst bestimmen, wenn man Wert auf Homemonitoring und MRT-fähigkeit legt,oder ist auf den billigsten Typ der gesezl. Kasse angewiesen? Mann bekommt weder von Biotronik noch von den anderen Herstellen irgendwelche Infos über Preisrahmen etc. damit man selbst abschätzen kann, ob man sich einen Schrittmacher mit mehr Überwachungsfunktionen leisten kann oder nicht. Hast Du diesbezüglich Infos von Deinem Arzt bekommen?

    Gruß Gerhard

  2. Andi Andi sagt:

    Hallo, Gerhard.
    Danke für dein Interesse an meinem Blogartikel und dein Feedback.
    Bei mir war es ja sozusagen eine Notoperation und ich wurde nicht weiter befragt. Da meine beiden Herzkammern unterschiedlich, also nicht synchron pumpen, haben sich die Ärzte ad hoc für einen Medtronic Serena Quad RNX 608802S mit drei Elektroden entschieden. Meine Hausärztin meinte, das sei der Rolls-Royce unter den Herzschrittmachern und würde so viel kosten, wie ein Kleinwagen. Da ich in der gesetzlichen Krankenversicherung bin, gehe ich nach dieser Erfahrung davon aus, dass die Ärzte nicht den billigsten Typ ausgewählt haben, sondern das Gerät, das für meine Herzrhythmusstörungen und dem “gestörten Kontraktionsablauf bei LSB” am besten geeignet ist. Mein Gerät ist auch MRT-fähig. Ob Home-Monitoring mit meinem System möglich ist, weiß ich nicht ganz sicher, allerdings vermute ich es aufgrund der “SureScan”-Fähigkeit, die in meinem Herzschrittmacherpass ausgewiesen ist. So richtig informiert darüber wurde ich im Krankenhaus darüber nicht. Ich versuche, mir die Informationen aus dem Internet und über die Medtronic-Website zu holen.
    Ich wünsche dir für die anstehende Implantation alles Gute.
    Falls du weitere Fragen hast, kannst du mich gerne – auch über eMail oder WhatsApp kontakten.
    Gruß,
    Andi

  1. 20. Februar 2020

    […] die Implantation und die Zeit der Genesung erfahren möchtest, dann solltest du meinen Blogartikel “Mein Herzstillstand” […]

  2. 6. März 2020

    […] Mein Herzstillstand […]

  3. 22. März 2020

    […] darf mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn mein Herzstillstand und die Herzschrittmacher-Implantation nicht Mitte Januar, sondern jetzt gewesen […]

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