Die misslungene Auswanderung nach Litauen 2008 – Kapitel 2

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

An diesem Samstag warteten also alle Umzugskartons und auseinander gebauten Möbel auf den Spediteur.

An diesem Tag hatten meine Leute schon Wochen des Packens und Planens hinter sich.
Den Spediteur haben meine Leute durch eine Internetbörse gefunden.
Eigentlich wollte mein Herrchen ja erst selbst mit einem 7,5-Tonner alles nach Litauen bringen, aber dann gab’s das Problem, dass man den LKW nicht in Litauen zurückgeben konnte ( angeblich aufgrund versicherungstechnischer Probleme der Vermietfirmen ) und eine Rückgabe des Miet-LKW nur in Deutschland in der Nähe Berlin möglich gewesen wäre. Die Kosten mit Diesel hätten dann für einen 7,5-Tonner etwa 2.100 Euro betragen plus Kosten der “Überführung” des PKW meiner Leute von der Nordsee nach Litauen plus Übernachtung und Flug oder Bahn von Berlin nach Litauen.

Naja, und über eine Internetbörse hat mein Herrchen dann versucht, für 2.000 Euro eine Angebot zu bekommen für eine Fracht von etwa 35 Kubikmeter von der Nordsee nach Kaunas. Da hat sich dann eine Spedition aus Herford gemeldet und den Auftrag zu dem Preis angenommen.

Das war das Beste, was uns bei diesem Auswanderungsversuch passiert ist.

Russen sind harte Burschen

Die Spedition war zwar nur ein “Zwei-Mann-Unternehmen”, bestehend aus einem kranken Vater und einem Sohn, der seinem Vater hilft. Gebürtige Russen, die aber schon lange in Deutschland integriert sind. Menschen, die extrem hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Menschen waren mir und meinen Leuten sehr sympatisch. Aber leider machten die beiden einen Fehler, der dazu führte, dass ein Teil des Eigentums meiner Leute nicht mehr auf den LKW passte und in Deutschland zurückblieb. Doch was daraus wurde, gehört ans Ende meiner Geschichte.

Obwohl mein Herrchen die Kubikmeter der Kisten und Möbel genau berechnet hat, war der LKW auf einmal voll – und wie sich später herausstellte, sogar überladen.
Ab diesem Zeitpunkt ging der Stress schon so richtig los, bevor wir überhaupt die Reise angetreten haben.

Die wichtigsten Umzugskartons immer im Auge behalten

Der Fehler, den die Spediteure machten, war nämlich der, dass sie nicht rechtzeitig erkannten, dass von den letzten 20 Umzugskartons nur noch 10 Kartons auf dem LKW Platz hatten. Zu diesem Zeitpunkt hätten sie meine Leute warnen müssen, die Kartons nach Priorität zu sortieren. Hatten meine Leute doch die Kartons mit der höchsten Priorität als die zuletzt zu Ladenden sortiert, da sie beim Einzug die wichtigsten Kartons zuerst ausladen und auspacken wollten. Diese Planung erwies sich im Nachhinein als fataler Fehler, denn das waren dann die zehn wichtigsten Kartons, die nicht mehr in den LKW rein passten.

Naja, der LKW war so gegen 14 Uhr so voll, dass die Sackkarre kaum noch rein ging. Dann wurde noch ein Teppich hinein gequetscht, der irgendwo zusammengerollt immer wieder übersehen und stehen gelassen wurde und die beiden tapferen Russen machten sich auf den Weg nach Kaunas. Sie dachten, in 13 Stunden das Ziel zu erreichen, aber nachdem mein Herrchen ihnen die Zeitangaben seines TomTom mit 19 Stunden gezeigt hat, meinten die beiden, dass das wohl eher zutreffe als die von ihnen geplanten 13 Stunden.

Bei der Planung hat mein Herrchen sich auch immer wieder gefragt, warum ein 7,5 Tonner nur 2,5 Tonnen Zuladungsmöglichkeit hat und ob die ganzen Möbel, Bücher und vor allem die zwei Kaminöfen von über 350 kg nicht zu einer Überladung führen, wenn der LKW bis unter das Dach voll gepackt wird. Aber mein Herrchen sagte sich, dass die Spediteure das ja besser wissen sollten.

Okay, der vollbeladene LKW war weg und in dem Haus standen noch die etwa zehn wichtigsten Umzugskartons sowie Gemälde, Staubsauger, Esstisch, Gartengeräte, Rasenmäher, Marmorplatten, Pflanzkübel usw.

Der Kombi meiner Leute war schon vollbeladen, da passte nichts mehr rein und ich lag auf engstem Raum hinten auf der Ladefläche und zitterte wie Espenlaub.

Die Geier-Wally

Es war Samstag und jetzt schnell eine Lagerung des zurückgebliebenen Hausrats zu finden, war unter dem bestehenden Zeitdruck auch nicht möglich. Also brachten brachten meine Leute noch einige wertvolle Sachen bei Nachbarn unter mit dem Ziel, später die Dinge über eine Spedition als Beiladung nachkommen zu lassen. Doch da war noch diese Dame von einem An- und Verkauf / Haushaltsauflösungen, die von meinen Leuten beauftragt war, alte Akten, die auf auf dem Dachboden waren, zu vernichten und geierte schon auf jedes Teil, dass noch aus dieser Not im Haus zurück blieb.

Um 15:30 an diesem Samstag fuhren wir dann von der Nordsee los. Bis zur Autobahn Richtung Rostock ging’s dann bei Frauchen los: “Die drei Kisten hinter der Wohnzimmertür, sind die auf dem LKW?” Herrchen: “Wieso, was war da drin?” Frauchen: “Wertvolle Sachen, Schmuck, antike Bücher”. Herrchen: “Die sind wohl da geblieben. Auf einer stand Krimskrams drauf”. Frauchen: “Ja, ich wollte doch nicht drauf schreiben, dass da wertvolle Sachen drin sind”. Herrchen: Vielleicht sind sie doch auf dem LKW.”

Mensch, war das Alles aufregend.

 

Irgendwo in einer Autobahnraststätte in Mecklenburg-Vorpommern: Bierkästen an der Wand befestigt

Als wir auf der Autobahn waren, der E22, der “Lieblings-Autobahn” meines Herrchen, da man so schön schnell und zügig vorankommt wie auf keiner anderen deutschen Autobahn, hörte Frauchen dann glücklicherweise so langsam auf, über die drei Umzugskartons zu reden.

Je mehr Asphalt wir hinter uns ließen, desto freier fühlten sich meine Leute auf einmal. Und als wir auf Usedom waren, wussten wir: Bald haben wir unser “gehasstes” Deutschland hinter uns.

Der EU-Grenzübergang Ahlbeck, Holpersteine und schon waren wir in Swinoujćie, dann noch mit der Fähre und Herrchen schaltete auf die Osteuropa-Karte um.
Neues Ziel eingegeben: Kaunas in Litauen.

 

Polen 2008, Euro – Złoty

Trau’ keinem Navi

Fragt mich jetzt bloß nicht ob Herrchen den schnellsten oder kürzesten Weg als Vorgabe eingegeben hat, aber er vertraute wohl blind dem Navi und seiner Osteuropa-Karte – zunächst noch.
Als wir dann aber durch Danzig fuhren, wunderte sich Herrchen schon ein wenig, doch es war mittlerweile so vier bis fünf Uhr morgens und wir drei hatten Wochen Stress hinter uns, die Nacht davor kaum geschlafen und noch das schwerste Stück vor uns, wie sich später dann herausstellte.

Aber der Reihe nach:
Das Navi führte uns in Polen Richtung Elblag. E77 / 22 – Alles im grünen Bereich. Aber das ging hart auf die russische Grenze zu und das erkannte die Europa-Karte und so gings dann etwa bei Braniewo einen Schwenk nach rechts, also in den Osten, wohin wir ja auch wollten.
Aber nicht die 507 weiter, sondern hart an der russischen Grenze vorbei Richtung Süden, Richtung Debowięc.
Dann führte uns das Navi auf eine EU-Straße, die allerdings trotz Schildern mit Höchstgeschwindigkeit 70 nur mit 40 und teilweise 30 km zu befahren war, wollte man sein Auto nicht zu Schrott fahren. Solche Schlaglöcher haben meine Leute und ich in meinem Leben noch nie gesehen. Riesige Berge von Sand und Splitt. Es war, als ob man auf einem anderen Stern war.
Und seltsamerweise kam uns auch kein Auto entgegen. Allerdings versuchten meine Leute das mit der Uhrzeit zu erklären. Doch komisch kam uns das Ganze trotzdem vor.

Ende Gelände

Und nach etwa 45 Minuten mit 30 bis 40km/h war die Straße auf einmal zu Ende.
Ja, ohne vorherigen Hinweis.
Laut Navi hätte sie weiterführen müssen.
Das muss irgendwo gewesen sein zwischen Grotowo und Skarbiec. Doch die Straße zurückfahren, um auf die 510 zu kommen, das wollte mein Herrchen uns nicht antuen.

Unser Auto ist eigentlich dunkelfarbig, aber durch den ganzen Strassenschotter dieser “Sackgasse” war er mittlerweile gräulich und die Reifen waren eher hellgrau als wie gewohnt schwarz.

Irgendwie haben wir uns dann weiter durch kleine Dörfer südlich der russischen Grenze “durchgeschlagen”, so nach dem Motto von Dorf zu Dorf und hoffentlich kommt keiner entgegen, so eng waren die Wege mit tiefen Löchern oder brutalem Kopfsteinpflaster ( das war die schönere Variante ).

Lipski, Stopski und andere verschlafene polnische Dörfer

Und als wir durch einen Ort namens Stopki kamen, wollte Herrchen echt stoppen und nicht weiterfahren.
Durch Liski sind wir, glaube ich dreimal gefahren, aber ich weiß nicht mehr, ob es vor Stopski oder hinter Stopski war.
Irgendwann, als wir durch diese für uns fast “unrealistische” Gegend fuhren, ging die Sonne auf.
Obwohl wir alle sehr übermüdet waren, erwachten in uns auf einmal alle Lebensgeister und Herrchen fühlte mich wie nach einer lauwarmen Morgendusche, sagte er. So als ob er ausgeschlafen, geduscht und frisch einen neuen Tag beginne.

Und was für ein Tagesbeginn das war! Wir sahen verschlafene Dörfer. Katzen, die unseren Weg kreuzten. Hunde, die uns als Eindringlinge verbellten, Störche, die noch schliefen und Nebelschwaden über ihren versumpften Jagdrevieren.
Es war, als ob wir eine Zeitreise um 100 Jahre zurück angetreten hätten.

Mein Herrchen war im Nachhinein so traurig, dass er das nicht gefilmt und fotografiert hat. Aber er war wie in Trance, durchzufahren und möglichst schnell unsere neue Heimat, Litauen, zu erreichen.
Trotzdem werden wir diese letzten Eindrücke von Polen, dieser Landschaft und der fast unwirklichen Dörfer niemals in unserem Leben vergessen.

Aber auch dort scheinen junge Menschen zu leben, denn in diesen frühen Morgenstunden überholten uns auf den engen Landstraßen auch einige sehr Eilige mit Autos, die so gar nicht zur verträumten Landschaft passten.
Also, ich denke mal, selbst in dieser Region ist der”europäische Aufschwung” schon bei den jungen Leuten angekommen. Zumindest bei den wenigen, die dort nach meiner Einschätzung noch leben.

Alte Leute kamen uns in Pferdekutschen entgegen. Frauchen sagte: Ja, das ist so, wie ich es im Fernsehen gesehen habe. Herrchen stimmte ihr zu. Ja, das war wirklich so. Und diese Eindrücke waren auch das Schönste an der Reise nach Litauen.

Und irgendwann waren wir dann bei Gołdap und irgendwann erreichten wir die E67 nach Litauen.

Was ist das denn für einer?

Keine Ahnung mehr, wann das war, aber nach meiner Erinnerung so 10 Uhr morgens, noch in Polen, da klingelte das Handy meines Herrchens und der Ehemann unserer Vermieterin war dran und sagte, dass seine Tochter nicht wie abgemacht bei der Übergabe des Hauses anwesend sein könnte, aber sein Nachbar sei bevollmächtigt, Geld anzunehmen für Deposit und “letzte Miete”.

Keine Frage, wie es uns geht, ob wir eine gute Fahrt hätten. Ich dachte nur: Du Dickes Ei. Was ist das denn für einer? Mit so einem werden meine Leute es als Vermieter zu tun haben. Dann fiel meinen Leuten ein, dass ja bei vorangegangenen Telefonaten auch schon ein paar Mal einfach aufgelegt wurde (wohl von der Mutter oder der Tochter der Vermieterin). Sie vermuteten einen Streit zwischen Mutter und Sohn oder Tochter wegen der Vermietung des Hauses. Aber irgendwie haben sie das immer ignoriert, obwohl Frauchen seit diesem Vorkommnis sehr, sehr skeptisch war, was den Mann der Vermieterin betraf.

Irgendwann am Sonntag Mittag überquerten wir die EU-Grenze zu Litauen zwischen Budzisko und Kalvarija.

 

Ein sehr unbequemes und enges Bett in einem Motel in Polen auf der Rückfahrt ( 2008 )

 

>>> Kapitel 3   –  >>> Kapitel 4

 

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andi

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Eine Antwort

  1. 17. Januar 2019

    […] Kapitel 3 – Kapitel 2 […]

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